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Im Zeichen des Ungeistes / Rudolf Kriss
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Gottesdiensten hatte bei uns beiden ein neues religiöses Empfinden

eingeleitet, das in mancher Hinsicht parallel lief. In langen philoso- phischen Gesprächen, die teils in der Bibliothek, teils während der Fliegerangriffe im Keller geführt wurden, brachten wir uns gegen- seitig auf manchen fruchtbaren Gedanken. Da meine geistige Entwick- lung indessen erst im Zuchthaus von Brandenburg abgeschlossen wurde, will ich über sie erst später berichten und hier nur vorausschicken, daß unsere Gespräche im Luftschutzkeller von einem so starken inneren Erleben getragen waren, daß wir sogar unsere begreifliche Angst darüber vergaßen und auch der dumpfe Donner der schweren Bomben, die krachenden Einschläge und das Geräusch der klirrenden Fenster konnten uns nicht erschüttern oder aus der Fassung bringen. Niemals hätte ich es früher für möglich gehalten, daß‘ der Geist sich so eindeutig als Herr über die Materie erweisen könne. Meine Hoff- nung, daß es im Ernstfall vielleicht so sein würde, hat sich voll erfüllt und meine philosophische Lebenshaltung, derenthalben ich früher von den sogenannten Praktikern des Lebens mitleidig belächelt wurde, glänzend bewährt und die Feuerprobe bestanden.

Unter den übrigen Kameraden hat mir am meisten Baron Harnier imponiert. Er saß bereits im fünften Jahr in Neudeck. Im Sommer, als sich die strenge Zucht lockerte, durften wir politischen Gefangenen, Samstag und Sonntag, mitunter auch in der Woche öfter ein oder zwei Stunden in den Hof, um uns in die Sonne zu legen. Bei dieser Gele- genheit ergab sich unsere nähere Bekanntschaft. Harnier war ein großer schlanker Mann, sehr distinguiert und zurückhaltend, der Ty- pus des Aristokraten der alten Schule. In seinen politischen Ansichten unduldsam und etwas veraltet, strenggläubiger Katholik der schärf- sten Observanz, aber ein Edelmann vollkommenster Prägung, von wahr- haft fürstlicher Haltung. Im Juli 1944 wurde er endlich verhandelt und zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt, die er, wie ich, in Straubing abbüßen sollte. Ich bin ihm dort noch einigemale begegnet, leider hat er die schweren Strapazen nicht mehr lebend überstanden. Durch den Hunger war er so entkräftet, daß er kurz vor der ‚Besetzung Strau-

bings durch die Amerikaner in die Krankenabteilung eingeliefert wer-

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