Löns und Fleuron, kurz ich nahm die Gelegenheit wahr, Bildungs-
lücken aufzufüllen und mir zugleich geistigen Genuß zu verschaffen. Der Winter 1944 war außergewöhnlich mild; schon Anfang Februar hörte ich die erste Amsel singen. Es war mir eine der größten Freuden in meinem einsamen Zellendasein, als ich eines Abends die ersten zaghaften Flötentöne vernahm. Von nun an wartete ich jeden Tag ungeduldig auf die liebliche Sängerin. Ich öffnete dann das Oberlicht, damit ich besser hören konnte und verfolgte die von Woche zu Woche energischer und voller werdende Vogelstimme, wie sie vom schüchter- nen, kaum vernehmbaren Pfiff allmählich zum langgezogenen Liebes- ruf anschwoll. Es blieb wohl immer der nämliche Vogel, der sich das öde Zuchthausgärtlein zum Nistplatz gewählt hatte, der mir bis zu meiner Versetzung nach Stadelheim treu blieb und mich Tag für Tag in der Dämmerstunde mit seinem süßen Gesang beglückte.
Nach etwa drei Wochen meiner Anwesenheit erschien Oberwacht-
“ meister K. mit strahlender Miene und sagte:„Jetzt ist eine Kavaliers-
zelle frei geworden, da lege ich Sie gleich hinüber.“ Mit den Kava- lierszellen hatte es folgende Bewandtnis: es gab deren zehn, sechs im ersten und vier im zweiten Stock. Im Vergleich zu den anderen Zellen, die außer der Pritsche nur einen Tisch und einen Stuhl, enthielten, gab es in ihnen noch einen Kleiderkasten und einen Spiegel, beides nicht zu unterschätzende Vorzüge, da man ja als Untersuchungsgefan- gener eigene Wäsche und Kleider tragen durfte. Auch die Rasier- erlaubnis erhielt man. Die Hauptsache aber war das Spül-Klosett; in den anderen Zellen gab es nur einen Kübel, der nie völlig geruchfrei war und täglich zum Entleeren hinausgestellt werden mußte.
In eine solche Zelle nun durfte ich übersiedeln. Abermals vergingen zwei Tage, da kam Herr K. wiederum, grinste noch mehr und sagte: „Für Ihnen habe ich auch noch ein Pösterl! Sie kommen jetzt heraus und werden Tintenkuli!“
Das Herauskommen ist die große Sehnsucht eines jeden Gefangenen. Er darf tagsüber aus der Zelle heraus und wird irgendwo im Haus beschäftigt, d. h. er darf, soweit es sich einigermaßen mit seiner Arbeit
verträgt, ziemlich frei im Haus herumspazieren. Der noch nie in einer
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