beobachte den langsamen Wechsel der Farben am. Firmament, dann lege ich mich nieder und überlasse mich meinen Gedanken. Aufregun- gen sollte es in den nächsten Wochen noch genug geben und die machen müde. Da legt man sich gern zu Bett und es ist erstaunlich, wie lange man in seelisch gespannten Situationen schlafen kann. Ich habe es manche Nacht auf zwölf Stunden gebracht. Die Natur hilft sich eben selbst am besten.
Am nächsten Morgen komme ich vor den Untersuchungsrichter. Herr H., der mich abholt, sagt:-„„Tun’s fein ja nichts zugeben, dann kann’s nicht so schlimm werden!“ Das hätte ich auch so nicht getan, aber der freundliche Ton beruhigt meine erregten Nerven und es gelang dem Richter, der mich als echter Nazi-Beamter, emigrierter Südtiroler der er war, fürchterlich anplärrt, nicht, mich einzuschüchtern. In einer halben Stunde ist alles vorüber. Bald danach betrat Herr H. meine Zelle, belobte mich ob meiner Unerschrockenheit und fuhr fort: »„Wenn’s einen guten Rechtsanwalt brauchen, der Herr Götz ist grad zufällig im Haus, der tät’ sich schon Müh’ geben!“ Ich erwiderte:„Ich kenne in München ohnedies keinen, dann führen’s mich gleich zu ihm, damit ich keine Zeit versäume.“
Herr Götz war ein Mann in mittleren Jahren, groß, blondhäarig, und seine hellblauen Augen, die hinter der Brille recht scharf funkeln konnten, fielen mir sofort auf; ich hatte den Eindruck, daß mit ihm nicht unter allen Umständen gut Kirschen essen sei, aber daß, wenn ihn ein Fall interessiere, er sich bestimmt mutig und energisch für seine Klienten einsetzen würde; er sprach ein echtes Münchnerisch und konnte die Preußen nicht leiden, was mich auch menschlich für ihn einnahm. Je öfter er mich besuchte, desto mehr überzeugte ich mich, die richtige Wahl getroffen zu haben; seine juristischen Fähig- keiten konnte ich zwar nicht beurteilen, aber die waren in meinem Fall,. der weniger mit Juristerei, als mit Energie und Beziehungen angepackt werden mußte, ohnedies nicht in erster Linie wichtig. Trotz der guten Behandlung dauerte es noch längere Zeit, ehe ich den Haftkoller völlig überwunden hatte; manchmal spürte ich einen förm-
lichen Zwang, mit dem Kopf gegen die Tür zu rennen, solange, bis
48
| | | |


