Druckschrift 
Im Zeichen des Ungeistes / Rudolf Kriss
Seite
41
Einzelbild herunterladen

Der ungeheuren Anspannung des Tages folgte eine ziemliche Ermat- tung, der ich es zu verdanken hatte, daß ich relativ gut schlief, aller- dings nur um am nächsten Morgen zu neuer Qual zu erwachen.

Mit dem erstem Zug wurde ich von dem äußerlich sehr unsympatisch aussehenden Gestapo-Beamten E. nach München gebracht. Der Anblick seines verquollenen, vollgefressenen, völlig geistlosen Gesichtes war mir fast unerträglich; doch kann ich mich über ihn nicht eigentlich beklagen. Er gestattete mir die Fahrt zweiter Klasse und um mit meinen Gedanken allein zu sein, stellte ich mich die ganze Zeit schlafend. Zu Mittag waren wir in München; E. erlaubte mir noch die Einnahme einer Mahlzeit in einem Gasthaus, dann lieferte er mich am Sitz der Gestapo im Wittelsbacher-Palais ein.

Nach Aufnahme der Personalien wurde ich ohne weiteres Verhör so- fort in den Gefängnistrakt abgeführt. Zunächst nahmen mich einige Wachbeamte, bei denen ich die Wertsachen abgeben mußte, in Empfang. Sie sahen äußerlich ein wenig verschieden aus, doch war ihnen allen ein Zug gemeinsam, der eine Mischung zwischen Stumpfheit und Brutalität darstellte. Einer von ihnen führte mich in eine sog. Ge- meinschaftszelle, die für fünf Personen eingerichtet, jedoch mit neun belegt war. Bei meinem Eintritt waren indessen nur zwei anwesend. Nachdem der Wärter die Tür zugeschlagen und die schweren Schlösser krachend eingeschnappt waren, ein Geräusch, an das ich mich während der ganzen 1'/,jährigen Haftzeit nie so recht gewöhnen konnte, hatte ich Muße, mir den Raum und seine Insassen näher zu betrachten. Die Zelle hatte auf der äußeren Längsseite zwei schmale Fenster mit Ober- lichte, das mittels eines Hebels geöffnet werden konnte; wenn man; was verboten war, auf einen Stuhl stieg, konnte man in einen gepfla- sterten Innenhof blicken. Der Regen rann in Strömen von einem gleichmäßig grauen Himmel. Unter den Fenstern befanden sich zwei Pritschen, an den Schmalseiten des Raumes je eine weitere und an der Türseite die fünfte. In den Ecken lagen aufgestapelt Matratzen und Bezüge für die vier übrigen Lagerstätten. In der Mitte des Rau- mes, der etwa 5 m lang und 3'/, m breit war, stand ein schmaler, am Boden festgemachter Tisch. Am Abend wurden die vier Notlager in

41