Druckschrift 
Im Zeichen des Ungeistes / Rudolf Kriss
Seite
23
Einzelbild herunterladen

Natürlich getraute ich mich nicht zu den beiden Heroen so ohne weiteres hinzugehen. Ihre Verehrer zählen ja schließlich nach Millionen und es wäre mir als Anmaßung erschienen, sie nur aus diesem Grunde aufzusuchen. Bei Strauß war es eine Bemerkung seines Biographen Eduard Wachten, worin dieser die volkskundliche Sammlung in Straußens Garmischer Villa erwähnt und teilweise abbildet. Ich nahm diese zum Vorwand, übersandte ihm meinen Museums-Katalog mit einem Brief, worin ich ihn bat, mir die Besichtigung seiner Sammlung zu gestatten, da es für mich von Wichtigkeit sei, alle Kollektionen auf einem dem meinen verwandten Gebiet kennenzulernen. Strauß ant- wortete mir handschriftlich und lud mich in liebenswürdiger Weise zu einem Besuch ein. Mir klopfte das Herz, als ich am Vormittag des zwölften Juli 1942 sein Haus betrat.

Der große Komponist empfing mich aber so ungezwungen und natür- lich, daß sich meine Aufregung rasch legte und ich seine Schätze in Ruhe betrachten konnte. Dabei verließ mich das Gefühl, einer wirk- lich großen Persönlichkeit gegenüberzustehen, keinen Augenblick. Der ganze Mensch strahlte ein solches Maß von Ruhe und Überlegenheit aus, daß man hätte befangen werden müssen, wäre nicht zugleich durch seine etwas münchnerisch gefärbte Natürlichkeit ein erdenhaftes Gegen- gewicht entstanden. Er zeigte mir zuerst seinevolkskundlichen Samm- lungen, deren Eigenart besonders in einer lückenlosen Reihung von Hinterglasbildern besteht, die in größtmöglicher Vollständigkeit das Material von den oberschichtlichen Anfängen dieser Kunst in Italien bis zu den bäuerlichen Endstufen in Süddeutschland darbietet. Da- neben besitzt seine Frau noch zahlreiche Objekte der religiösen Volks- kunde des 18. Jahrhunderts, die sie mehr nach künstlerischen als nach systematischen Gesichtspunkten zusammenträgt. Alles in allem ist die Kenntnis der Sammlung auch für den Museumsfachmann wichtig, so daß sich mein Besuch schon von dieser Seite her gelohnt hätte. Als wir in das Musikzimmer kamen, meinte Strauß in aller Gemütsruhe: Das wird Sie sehr ‚wenig interessieren, da habe ich nämlich meine musikalischen Erinnerungsstücke aufbewahrt. Ich hielt nun den Augen-

blick für gekommen, ihm zu gestehen, daß ich durchaus nicht nur

&