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Im Zeichen des Ungeistes / Rudolf Kriss
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schaftlichen Neigungen, die sie vor allem auf dem Gebiet der Reli- gionsgeschichte, wenn auch nicht schöpferisch tätig sein, so doch ein großes Maß an Kenntnissen erwerben ließ. Als letztes sei noch ihre dichterische Begabung erwähnt, die sie besonders in der Zeit vor ihrem Tode tiefempfundene Verse schaffen ließ. Die Vielseitigkeit be- deutete für sie sogar eine gewisse Gefahr, weil sie aus diesem Grund auf keinem Gebiet das große geschlossene Lebenswerk hinterließ, wozu sie kraft ihrer Genialität in der Lage gewesen wäre. Für die Allge- meinheit wurde sie nicht in vollem Maße fruchtbar, was aber nicht hinderte, daß sie vielleicht gerade deshalb im engeren persönlichen Kreis diejenigen Menschen, die ihre Natur zu begreifen imstande waren, nachhaltig beeindruckte. Doch nur ganz wenigen, und auch diesen nur für kurze Augenblicke, offenbarte sie ihre empfindsame, leicht verwundbare Seele; im allgemeinen pflegte sie eine kühle, sach- liche Haltung zur Schau zu tragen.

Und doch weiß ich keinen Menschen, der unter dem Ungeist der Zeit so tief und persönlich litt wie sie; in den Gedichten ihrer beiden letz- ten Lebensjahre kam dies erschütternd zum Ausdruck.

Während sie früher stets nur für wenige Tage mein Gast gewesen war, wurde die Dauer ihres Aufenthaltes nun immer länger, ohne daß dies von uns beiden bewußt gewollt war; es ergab sich sozusagen aus innerer Notwendigkeit von selbst. Klar erkannt habe ich unsere mensch- liche Nähe erst sehr spät, nachdem wir sie eigentlich schon lange prak- tisch erlebt hatten und zu tiefst gewußt habe ich um sie eigentlich erst nach ihrem Tode. In unserer Freundschaft steckte ein Stück Tragik, auch deshalb, weil sie wesenhaft vom gemeinsamen Leid her bestimmt war, wobei ich nicht nur an die Zeitlage denke, während welcher sie geschlossen wurde, sondern auch an verwandte Lebensschicksale, die im Zeichen einer gewissen Unerfülltheit und Resignation standen. Gerade darum wurde aber aus ihr viel Schönes geboren und ohne sie hätte ich die schwere Zeit bestimmt nicht so gut überwunden. Symbolhaft für Paula Riezler war es, daß sie den Zusammenbruch des Nazismus, den sie so heiß ersehnte, nicht mehr erleben durfte.

Ihr Leben stand, seitdem sie in verhältnismäßig jungen Jahren ihrer

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