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Im Zeichen des Ungeistes / Rudolf Kriss
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anderen mit der wachsenden Totalität des staatlichen Geltungsan-

spruches zu Lügnern und Feiglingen erzogen würden, zu Menschen, die es verlernen, eigene Ansichten zu vertreten, die zuletzt selbst nicht mehr wissen was sie glauben, und wo auch die Besten ihr sittliches Verantwortungsgefühl einbüßen und einer billigen Vorteilsmoral an- heimfallen.

Nicht ohne eine gewisse Überwindung schreibe ich heute diese Gedan- ken nieder, denn sie sind inzwischen in aller Mund und begegnen einem in ähnlicher Form in der Presse auf Schritt und Tritt. Damals aber war es notwendig, sich in aller Kompromißlosigkeit zu ihnen zu bekennen und es ist wichtig, sie hier nochmals niederzulegen, weil die folgenden Blätter den Beweis dafür erbringen, wohin das führte; sie werden zeigen, daß es für einen noch so unpolitischen Menschen kaum möglich war, sich der Verstrickung zu entziehen, auch wenn er nichts anderes, als immer nur er selbst, das aber voll und ganz, bleiben

wollte.

Nach Berchtesgaden zurückgekehrt, merkte ich in kürzester Frist, daß mein neues Arbeitsfeld mich niemals würde voll befriedigen können. Das alte Spiel wiederholte sich in ähnlicher Art wie einstens vor 15 Jahren; ich spürte, daß ich mich einer Beschäftigung widmen mußte, die mir ihrer ganzen Art nach so wenig lag, daß ich auch mit äußerster Konzentration niemals würde vollwertige Arbeit leisten können.

Ich suchte in anderen Bezirken Ersatz und glaubte diesen in der An- bahnung und Verfolgung neuer menschlicher Verbindungen zu finden. Es ist nun an der Zeit, zu schildern, wie sich in diesen dunklen Jahren eine Beziehung, die ich schon lange pflegte, vertiefte und zu einer echten fruchttragenden Freundschaft auswuchs, meine Beziehung zu der Münchener Künstlerin Paula Riezler. Der leidenschaftliche Protest gegen den Geist der Zeit war es, der uns zusammenführte. Was uns bisher verbunden hatte, war lediglich eine Gemeinsamkeit der Interes- sen gewesen: Paula Riezler stand geistig weit über dem Durchschnitt, ihre Vielseitigkeit war überraschend; als Bildhauerin und Malerin

allein leistete sie schon Ungewöhnliches. Dazu kamen- ihre wissen-

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