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Im Zeichen des Ungeistes / Rudolf Kriss
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.zur Gewißheit, als ich das für die nationalsozialistische Weltanschau- ung verbindliche Werk von RosenbergDer Mythus des 20. Jahrhun- derts las, Der Primat des Willens dem sich der an Blut und Boden gebundene Intellekt unterzuordnen habe, bedeutet ja nichts anderes als krassen Materialismus, obwohl die Anhänger jener Lehre dies stets leugnen. Denn Kultur war zu allen Zeiten nur in dem Ausmaße mög- lich, als es dem erkennenden Geist gelang, die unbewußten Triebe des Willens zu beherrschen und auf Grund allgemein gültiger Gesetze zu lenken.

Dem mittelalterlichen Volksglauben nach hat man mit Blut einstmals das Bündnis mit dem Teufel unterschreiben müssen; nichts anderes schienen die modernen Machthaber zu tun, als sie die Lehre von der Vorherrschaft des Blutes verkündeten. Ich erinnere mich noch gut an die völlig erstarrten Mienen, als ich im Kreise gläubiger Nationalsozia- listen einmal das Wirken Hitlers aus ähnlichen Erwägungen heraus mit dem Wirken des Antichrist in Vergleich stellte.

Ein weiterer Grund kam hiezu, der mich den Nationalsozialismus als der Natur.des geistigen Menschen diametral gegenüberstehend erken- nen ließ. Es war das von ihm verfochtene autoritäre Prinzip, die von ihm auf den Schild erhobene Diktatur einer einzigen Weltanschauung, die für jedermann verbindlich erklärt wurde. Nicht nur, daß ich per- sönlich von frühester Jugend an von einem leidenschaftlichen Freiheits- drang beseelt war und schon deshalb den Nationalsozialismus instink- tiv hassen mußte, darüber hinaus schnitt er mir ja auch beruflich als Gelehrten sozusagen den Lebensfaden ab. Für den Forscher und Wissen- schaftler gibt es ja nur eine einzige Tradition, nämlich die, keiner Tradition zu glauben und jegliches Tun und Erkennen nur auf die eigene Einsicht zu gründen. Ohne erst die tatsächlichen Konflikts- punkte abwarten zu brauchen, war damit die Gegnerschaft bereits theoretisch festgelegt. Doch übersah ich von Anfang an auch die prak- tischen Folgen keineswegs, die sich daraus ergeben mußten, daß es in Zukunft nur mehr solchen Menschen möglich sein würde, sich gerad- Hnig und unverbogen zu entwickeln, deren angeborene Weltan-

schauung zufällig mit der herrschenden harmoniere, während alle

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