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Im Zeichen des Ungeistes / Rudolf Kriss
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tierte, wo sie vermutlich gestorben ist. Ich bemühte mich damals, ihre

Auswanderung nach Amerika in die Wege zu leiten, wohin sich ihr Sohn bereits begeben hatte. Jedoch ging über der Abwicklung der zahllosen Formalitäten soviel Zeit verloren, daß, als endlich alles ge- ordnet, der Schiffsplatz bezahlt und das Affidavit erlangt war, in eben jenem Moment der Krieg mit den USA. ausbrach und das Schiff in Lissabon nicht mehr abgefertigt wurde.

So kehrte ich dem mit so vielen trüben Erinnerungen behafteten Wien nicht ungern den Rücken und suchte mich so gut es ging daheim in Berchesgaden mit meiner neuen Lebensweise abzufinden.

Hier ist der Platz, einige grundsätzliche Betrachtungen über die Stel- lung des geistigen Menschen zum Nationalsozialismus einzuschalten, da ja schließlich das ganze Buch von nichts anderem handelt, als von den praktischen Folgen, die das konsequente Beharren auf dieser Haltung nach sich zog.

Schon früh machte ich mit dem Nationalsozialismus Bekanntschaft. Es war während meiner Münchner Studentenzeit, noch vor dem sogen. Hitlerputsch 1923, als ich die Schrecken beobachten konnte, ‚wie eine mir bekannte Familie von ihm wie von einer ansteckenden Krankheit befallen wurde. Ich konnte einfach nicht begreifen, wie gebildete und kultivierte Menschen plötzlich jede Urteilskraft verloren und den pri- mitivsten Phrasen von Volksrednern anheimfielen. Ich spürte schon damals das Unheimliche des Phänomens, das darin liegt, wenn der selbstverantwortliche Geist zum Sklaven des untergründigen Willens wird, und ich nahm mir auf das Bestimmteste vor, stets Herr meiner Erkenntniskräfte zu bleiben und darüber zu wachen, daß die dunk- leren Triebe es nie vermöchten, den klaren Verstand zu umnebeln. Wohin es führte, wenn man den Keim nicht schon in der Wurzel unter- drückte, das wurde mir hier allzu deutlich vor Augen gestellt.

Daß es sich nämlich nicht so verhalte, wie man später so oft zu hören bekam, daß der Nationalsozialismus an sich gut und nur seine führen- den Persönlichkeiten schlecht seien, sondern daß gerade umgekehrt, die Idee als solche verwerflich und die ausführenden Organe in der Folge ebenfalls schlecht werden mußten, das wurde mir einige Jahre später

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