In den Ländern mit gefestigter und bodenständiger Demo- kratie mag man wohl in dieser Stellungnahme einen Verstoß gegen die Demokratie sehen. Wir haben aber noch keine Demokratie und dürfen nicht so handeln, als ob wir sie hätten. Tun wir das, dann zerstören wir die Aussicht auf ein demokra- tisches Deutschland .
In England kann man sich z. B. eine Gegnerschaft der Kirche gegen die Arbeiterpartei wohl kaum vorstellen; in Deutschland hat aber die Kirche seit jeher und bis zum Zusammenbruch stets einen scharfen Kampf gegen die einzige wirklich demo- kratische Partei geführt. In England würde man wahrschein- lich nicht glauben, daß mir einmal eine katholische Lehrerin ganz wohlmeinend sagte:„Sie sind doch gar kein Sozialdemo- krat; Sie sind ein ganz anständiger Mensch!” Daß man Sozialdemokrat und gleichzeitig auch ein anständiger Mensch sein könne, das war dieser Lehrerin durchaus unvorstellbar. Und so urteilt heute noch der größte Teil der katholischen und auch protestantischen Lehrer und Lehrerinnen. Es wäre ein Unglück für Deutschland , die heutige Jugend wieder in diesem Geiste zu erziehen.. Nicht wegen der Achtung vor Sozial- demokraten, sondern wegen der Achtung vor jeder andern Ueberzeugung.
Die heutigen Eltern haben den Nationalsozialismus werden und wüten lassen; ihre Erziehung hat unbestreitbar den An- forderungen an eine gesunde Zukunft des Volkes nicht genügt; sie sind also auch nicht fähig, den Wert einer neuen Erziehung zu beurteilen. Eine Regierung, die diese Erziehung heute schon einem Mehrheitsbeschluß dieser Eltern unterstellen wollte, die leistet der Demokratie einen üblen Dienst.
Wenn eine Demokratie werden soll, dann darf eine Re- gierung nicht so tun, als sei die Demokratie schon da. Wer den Mehrheitsbeschluß einer politisch unreifen Masse als Ge- setz betrachtet in einer so lebenswichtigen Frage, wie es die Erziehung unserer Jugend ist, der begeht ein Verbrechen an
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7 Knüppel auf dem Wege zur Demokratie


