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Knüppel auf dem Wege zur Demokratie / von Josef Radermacher
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nicht in die Kirche geht!" oder ,, Schade, daß er nicht in die richtige Kirche geht!" oder ,, Man sollte nicht glauben, daß er Jude ist!"

Mehr noch führt eine solche Denkweise dazu, demjenigen, der einer andern oder keiner Konfession angehört, alles Schlechte zuzutrauen, nicht aus bösem Willen, sondern ganz ehrlich als Folge der in der Schule erfolgten Einteilung in Rechtgläubige, Irrgläubige und Ungläubige.

Zu­

Dem bösen Willen blieb dabei ein weites Feld zur Betäti­gung offen. Wer nicht an Gott glaubt, wer seine religiösen Pflichten nicht erfüllt, dem kann man unbedenklich auch jede böse Eigenschaft und Handlung andichten, den kann man in Verdacht bringen, wo irgendeine Gemeinheit nicht aufgeklärt werden kann. So erwuchs ein gegenseitiges Mißtrauen. sammenhalt und Solidarität erschien nur innerhalb der ein­zelnen Gruppen und nur im Streit der Gruppen gegeneinander möglich. Dem Andersdenkenden beizustehen, das wurde als. Verrat an der eigenen Gruppe aufgefaßt. Wie dürfte man sich bei einem Streit zwischen einem Protestanten und einem Katholiken auf die Seite des Protestanten stellen, wenn man Katholik ist! Auch wenn ein Gottloser im Recht ist, so darf ein gläubiger Christ das doch nicht anerkennen, falls es sein Glaubensgenosse ist, der dieses Recht bestreitet!

Die Ueberheblichkeit als Zugehöriger zu der alleinselig­machenden Konfession führte auch zur Ueberheblichkeit der allein daseinsberechtigten Nation; das Vorhandensein von Gruppen, die sich von andern bevorzugt hielten, legte auch den Gedanken nahe, daß wir als Deutsche vor andern Völkern bevorzugt seien.

Und das ermöglichte die Kriege!

Wir brauchen eine andere Erziehung der Menschen, wenn wir friedlich in unserm Lande und in Frieden auf der Erde leben wollen; wir brauchen Demokratie, nicht nur in äußeren Formen, sondern im allgemeinen Denken. Die andere Nation,

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