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Knüppel auf dem Wege zur Demokratie / von Josef Radermacher
Entstehung
Seite
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,, Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Acker, Knecht, Magd, Ochs, Esel, noch alles was sein ist!"

Erweckt es nicht ein Gefühl des Grauens, wenn man in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts noch ein Kind diese Worte plappern hört? Knecht und Magd mitten in einer Reihe zwischen Haus, Acker, Ochs und Esel!

Ja, vor dreitausend Jahren, da gehörten Knecht und Magd zu dem, ,, was sein ist". Knecht und Magd, das waren keine ,, Nächsten", sondern Eigentum des Nächsten. Und das damalige Knecht und Magd entspricht dem heutigen Worte Arbeiter! Sie wurden noch nicht zu den Menschen gezählt, sondern zum Inventar der Eigentümer; an sie wandte sich der Gesetzgeber noch nicht als Subjekte, sondern behandelte sie als Objekt, als einen Teil der Habe, so wie Haus und Acker, Ochs und Esel.

Dazu sollen wir uns wieder bedingungslos bekennen?!

Nein, die zehn Gebote selbst geben uns heute nichts, das wir nicht schon hätten; wie aber das auszulegen ist, was noch brauchbar wäre, das wollen wir lieber einer vom Volk ge­wählten Regierung überlassen, als der Diktatur der Kirche. Da Gott den Menschen Verstand und freien Willen gegeben hat, kommen wir damit wahrscheinlich auch dem Willen Gottes näher als diejenigen, deren Herrschaft uns ins Elend geführt hat, die unser Volk in Absolutismus und Nationalismus und Militarismus unfähig gemacht haben, den Nationalsozialismus zu überwinden.

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