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Knüppel auf dem Wege zur Demokratie / von Josef Radermacher
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noch recht primitiv. Es ist sinnlos, heute um die Bedeutung der wenigen Worte zu streiten, die einmal in die Steintafeln des Moses eingeritzt wurden. Wie zuverlässig die Ueber- setzungen sind, kann man daran ermessen, daß rund 60000 Lesarten oder Varianten über Bibelstellen vorhanden sind.

Die zehn Gebote wurden einem Nomadenvolk gegeben; man

hat mit ihnen das patriarchalische Regiment, den Absolutismus, die Monarchie und auch die Republik , die Demokratie sank- _tioniert. In jeder Lage hat sich die Kirche mit einer entsprechen- den Auslegung der zehn Gebote anzupassen gewußt. Der wahre Sinn dieser Gebote kann nicht heute so und morgen so gewesen sein; es ist immer die Meinung der Menschen in der Führung der Kirche gewesen, die je nach Bedarf diesen Sinn gedeutet hat. Die zehn Gebote selbst entbinden uns heute nicht davon, selbst zu entscheiden, was gut und böse ist, wenn wir das nicht der Kirche anvertrauen, uns ganz und gar der Diktatur der Kirche unterstellen, wollen. Das nicht zu wollen haben wir berechtigten Grund, nachdem die Kirche Jahr- hunderte hindurch unser Erkennen der Natur verhindert und uns mit Zwang in einem fundamentalen Irrtum gehalten hat.

Bedingungslos sollen wir uns zu den zehn Geboten be- kennen! Werfen wir einen flüchtigen Blick darauf und fragen uns, was wir davon heute noch verwenden, wozu wir uns be- dingungslos bekennen könnten.

Ich bin der Herr, dein Gott; du sollst keine fremden Götter neben mir haben; du sollst dir kein geschnitztes Bild machen, dasselbe anzubeten!" Vor dreitausend Jahren hatte das Sinn, aber heute? Wem sagt man das heute?

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!" O ja, das müßte auch heute noch den Menschen gesagt werden; aber wenn die Kirche es auslegt, dann wird darunter alles möglich. Tausende ihrer Mitmenschen hat die Kirche als Hexen und

Ketzer verbrannt, ohne durch das Gebot der Nächstenliebe daran gehindert zu werden.

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