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Knüppel auf dem Wege zur Demokratie / von Josef Radermacher
Entstehung
Seite
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Ueberlieferung seine Heiligung und Unantastbarkeit erhalten hatte

Die Demokratie erkennt nichts an, weil es überliefert ist, und schaltet nichts aus, weil es überliefert ist; sie fragt in jedem Falle, ob es dem gesteckten Ziele dient, ob es vernünftig ist, so oder so zu handeln, dies oder das zu tun. Dies wird auch heute noch vielen Leuten schwer, auch solchen, die sich laut zur Demokratie bekennen.

Unsere Vorfahren waren nicht samt und sonders Trottel! Man könnte zu einer solchen Beurteilung kommen, wenn man darüber nachdenkt, unter welchen Herrschaftsformen sie zeit- weise gelebt, welch unwürdige Behandlung sie ertragen haben. Auch das, was uns für die heutige Zeit unmöglich erscheint, hat einmal Sinn gehabt; es war vernünftig in der Zeit, in der es geschaffen wurde. Aber die Daseinsverhältnisse haben sich immer weiterentwickelt. Die Rechtsbegriffe entstanden jeweils aus den bestehenden Verhältnissen heraus; sie blieben dann zumeist bestehen, auch wenn die Verhältnisse lange schon ganz andere, geworden waren.

Es erben sich Gesetz und Rechte

Wie eine ewge Krankheit fort;

Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte Und rücken sacht von Ort zu Ort.

Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage;

Weh dir, daß du ein Enkel bist!

Vom Rechte, das mit uns geboren ist,

Von dem ist, leider!, nie die Frage.

Legt Goethe diese Worte auch dem Mephisto in den Mund, so drücken sie doch die Wahrheit aus. Aus Vernunft ist Unsinn geworden, und was als Wohltat gedacht war, hat sich vielfach zur Plage entwickelt, durch die Macht der Tradition, durch das Festhalten an Rechtsbegriffen, die einer anderen Zeit und anderen Daseinsbedingungen entstammten. Vernunft muß wieder zur Herrschaft kommen, nicht um auszurotten,

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