Ein Rückblick auf das Mittelalter berührt uns heute nicht mehr in der gleichen Weise wie bis zum Jahre 1933; die Naziherrschaft hat uns in unserem Verhältnis zum Staat um zweihundert Jahre zurückgeworfen. Besonders jüngere Leute mögen von einer Betrachtung mittelalterlicher Zustände nicht den gleichen Eindruck gewinnen wie diejenigen, die schon einmal einen Anlauf zur Demokratie miterlebt haben.
Mittelalter, das bedeutete für uns bis zum Jahre 1933 die brutale Knebelung aller freien Geistestätigkeit, absolute UnterUm dies ordnung der Vernunft unter die Gewalt des Staates.
zu betrachten, brauchen wir heute nicht mehr so weit zurückzuschauen; das Dritte Reich hat in dieser Beziehung das Mittelalter übertroffen. Dennoch erscheint es zweckmäßig, das Mittelalter einzubeziehen in den Kreis dieser Betrachtungen; wir wollen ja Hindernisse ausräumen, deren Wurzeln bis in das Mittelalter hineinreichen.
Nationalismus und Militarismus sind nicht von heute auf morgen entstanden; sie haben außerdem die verfälschte Geschichtsdarstellung zur Grundlage; auch aus diesem Grunde ist es notwendig, das Werden der heutigen Hindernisse aufzuzeigen.
Wir können hierbei nicht vermeiden, auch Gefühle zu verAber letzen, die heute noch vielen Menschen heilig sind. gerade daß diese Gefühle noch vielen Menschen heilig sind, behindert sie in der Anerkennung der Demokratie. Die Rücksicht auf überlieferte Gefühle darf keine Geltung haben, wenn diese schon so viel Unheil angerichtet haben und auch weiterhin einer Vermeidung solchen Unheils im Wege stehen würden. Die Ehrfurcht vor der Ueberlieferung ist der Todfeind der Demokratie, macht Demokratie unmöglich. Erst die Befreiung von der Macht der Tradition macht der Demokratie den Weg frei. Die Macht der Tradition hat Jahrhunderte lang die Vernunft ausgeschaltet; man fragte nicht und durfte nicht fragen, ob etwas zweckmäßig und vernünftig war, wenn es durch
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