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Nacht über Deutschland : Erinnerungen an Dachau ; ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Dritten Reiches ; aus dem literarischen Nachlaß / von Walter Adam
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auch allerlei Unrat wurden gierig verschlungen, selbst Mülleimer nach Speiseresten durchsucht. Manchmal schüttete die SS Abfälle von ihrer Verpflegung in einen Kübel und ließ ihn vor eine Häftlingsbaracke stellen, wo sich dann wilde Raufszenen um einen Happen Fleisch oder ein Stück Brot entwickelten. Sogar der Lagerarzt, ein junger Bursche, der sich nicht recht zu helfen wußte, sah schon Ende Oktober eine Hungerkatastrophe voraus, aber er hat nichts dagegen getan oder tun können. Verpflegungsvorräte waren damals noch in Hülle und Fülle vorhanden, man gab uns vorsätzlich dem Hunger preis. Die unzuläng­liche Nahrung wurde so ausgeteilt, daß an eine ruhige Mahlzeit nicht zu denken war. Die Suppenkübel wurden im Freien aufgestellt, ent­weder vor der Baracke oder im Steinbruch. Dann hatte man ent­weder in der Stube in einem Gedränge von 160 Mann oder im Freien zu essen, oft in eisigem Regen oder Schneesturm.

Am Morgen nach unserer Ankunft hielt der Lagerkommandant hoch zu Roß einen Begrüßungsappell. Er war ein junger Mann, der wahr­scheinlich von der Schulbank weg zur SS gekommen war. Seine Hal­tung zu Pferd bot den einzigen heiteren Anblick, den Flossenbürg zu bieten hatte. Seine Ansprache war eine plumpe Verhöhnung der Ge­fangenen: Wir sollen Gott danken, in eine Station mit so vorzüglicher Höhenluft und so ausgezeichneter und reichlicher Verpflegung ge­kommen zu sein. Er habe auch für ein bißchen Arbeit gesorgt, damit uns die Langeweile nicht allzusehr plage. Nach dieser Rede gab er seinem Pferd die Sporen, verlor das Gleichgewicht und ritt im Zottel­trab davon. Wir haben ihn später nur mehr selten gesehen. Um so öfter sahen wir den Lagerführer, den sangesfrohen SS- Haupt­sturmführer Aumeier. Seine Sangesfreude äußerte sich darin, daß er die Häftlinge abends nach dem Appell in Kälte und Regen stehen und Marschlieder, singen ließ, oft das ganze Repertoire blöder Soldatenlieder, zehn oder fünfzehn hintereinander. Ein grüner" Be­rufsmusiker mußte in der Mitte des Appellplatzes auf ein Podium steigen und den Takt angeben, SS - Unteroffiziere gingen die Reihen auf und ab und sorgten mit Ohrfeigen und Faustschlägen, daß jeder Gefangene gehörig ,, das Maul aufreiße". Obligatorisch und besonders wichtig war der Gesang an jedem Freitag nach Arbeitsschluß, wenn in der Baracke Nummer I die im Laufe der Woche verhängten Prügel­strafen vollzogen wurden. Wir mußten dann pausenlos die Soldaten­lieder brüllen, damit man das Schreien der Gemarterten nicht hören

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