Diese Studie ist schon im April 1945 entstanden, unmittelbar nach dem Durchbruch der amerikanischen Truppen aus dem Brückenkopf von Remagen. Ich lebte damals im Westerwald , wo Graf Eduard Walderdorff dem unterstandslosen und geächteten Dachauer Häftling gastfreundliche Aufnahme gewährt und eine Scheinbeschäftigung: in der Rentmeisterei verschafft hatte. In den ersten Monaten nach meiner Rückkehr gab es keine Möglichkeit, die Arbeit zu veröffent- lichen. Alsbald machten sich auch die Anzeichen einer schweren Krankheit fühlbar, die mich monatelang ans Bett fesselte. So blieb das Manuskript in der Schublade.
Was mich nun ermutigte, einer verspäteten Publikation zuzustimmen, ist vor allem die Tatsache, daß schon jetzt eine Propaganda von Mund zu Mund eifrigst bemüht ist, die bisher erschienenen Berichte aus den Konzentrationslagern als Tendenzlügen oder als maßlose Übertreibungen abzutun. Das sind Symptome einer wiedererwachen- den nationalistischen Gesinnung, der nicht rasch und scharf genug begegnet werden kann. Möge nationaler Stolz noch so berechtigt sein, er darf nicht dazu führen, die Greueltaten einer uniformierten Bande zu beschönigen oder zu bagatellisieren. Das Thema„Konzentrations- lager“ darf daher nicht zur Ruhe kommen, ehe Gewißheit besteht, daß der Geist der SS, die Lust an Massenmorden und an tausend- fältiger Schändung der Menschenwürde erstorben ist.
Änderungen am ersten Entwurf des Manuskripts hielt ich— abge- sehen von unbedeutenden Einfügungen— nicht für notwendig, ob- wohl nun schon drei Jahre vergangen sind, seit ich aus dem Gehege des Stacheldrahtes herausgekommen bin. Ich glaube daher, daß ich die Dinge so objektiv gesehen habe, wie es bei einer Fülle subjektivsten Erlebens möglich war, aber ich will keineswegs bestreiten, daß man das bißchen Licht und den vielen Schatten auch anders verteilen kann.
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Ich habe in meiner militärischen und zivilen Laufbahn bis zum Jahre‘ 1938 viel Glück gehabt und dreimal gute Karriere gemacht. Das Glück begann, als ich in eines der schönsten Regimenter der alten
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