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Nacht über Deutschland : Erinnerungen an Dachau ; ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Dritten Reiches ; aus dem literarischen Nachlaß / von Walter Adam
Entstehung
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im Straßenkot. Dann kletterte er über die Körper der Häftlinge wie über eine Treppe zum Eingang in den Steinbruch hinauf. Oben ver­sammelte er die durchnäßte, über und über mit Kot beschmierte Kolonne und hielt ungefähr folgende Ansprache: Verdammte Schweinehunde! Jeder Schwerverbrecher ist ein besserer Mensch als ihr Politischen . Die Verbrecher haben nur einzelnen Menschen etwas angetan, aber ihr seid Verbrecher am ganzen deutschen Volke. Euch Ungeziefer muß man vertilgen. Hinlegen! Auf! Hinlegen!" Dann setzte er seine Ansprache fort: ,, Keiner von euch ist die fünf Pfennig für eine Patrone wert, aber die SS wird trotzdem von ihrer Munition etwas opfern, damit wir mit euch aufräumen. Hinlegen! Auf! Hinlegen! An die Arbeit marsch, marsch!"

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Es ist menschlich zu begreifen, daß die Disqualifizierung der politi­schen Häftlinge bei den Berufsverbrechern sympathisch aufgenommen wurde und daß wiederholt kleine Zwischenfälle provoziert wurden, die den Beweis erbringen sollten, daß die ,, Roten " schlechter seien als die ,, Grünen".

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In den Baracken- primitiven Holzbaracken wurden wir zu 160 Mann in eine Stube gepfercht. Im Wohnraum saßen und standen die Gefangenen Kopf an Kopf; es war unmöglich, auch nur wenige Schritte zu tun, ohne anzustoßen. Wie sich unter solchen Verhältnissen das Zusammenleben von Menschen mit überreizten Nerven gestaltete, kann man sich leicht ausmalen. Waschgelegenheiten und Klosett hätten nicht einmal für die Hälfte des Belages ausgereicht. Nachts durfte sich immer nur ein Mann einer Stube auf dem Klosett aufhalten, die anderen hatten auch bei größter Kälte im Schlafraum anzutreten und zu warten, bis der Vordermann zurückkommt. Das Betreten der Lager­gassen war bei strengster Strafe verboten, sogar der Aufenthalt vor der Baracke war auf einen engen Raum begrenzt, wo sich wieder alles stieß und drängte.

Die Tagesverpflegung bestand im wesentlichen aus drei, ungefähr fingerdicken Scheiben Brot, einer Andeutung von Margarine oder Leberwurst, einer dünnen Kraut- oder Rübensuppe und einigen Pell­kartoffeln. Zubußen aus der Kantine gab es nicht. Schon in den ersten Tagen stellte sich ein bohrender, schmerzender Hunger ein, der uns fünf Monate lang nicht verließ, widerliche moralische Erscheinungen zur Folge hatte und schließlich zu einer katastrophalen Massener­krankung führte. Kartoffelschalen, rohe Kartoffel und Rüben, aber

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