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Nacht über Deutschland : Erinnerungen an Dachau ; ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Dritten Reiches ; aus dem literarischen Nachlaß / von Walter Adam
Entstehung
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Hauptbestandteil der Ernährung bildeten Breie aus aufgekochter Trockenmilch, die nach wenigen Tagen Ekel erregten. So lag ich, zweimal totgesagt, von Januar bis Ende April. Erst als die Infektions-

gefahr vorüber war, kam ich in einen bevorzugten Krankenraum, wo,

es mir gut ging.

Ich habe diesem persönlichen Bericht beizufügen, daß ich damals schon zurLageraristokratie gehörte und Dank der Freundschaft mit ande- ren Gefangenen, insbesondere mit meinen getreuen österreichischen Kameraden, manche'Erleichterung genoß. Daraus möge man schließen, wie es den anderen Typhuskranken gegangen ist. Und noch eine zweite Feststellung: die sanitären Verhältnisse in Dachau waren trotz allem besser als in vielen anderen Lagern. Was ich auf diesem Gebiete in Flossenbürg gesehen und erlebt habe, berichte ich gesondert. Für die ungeheuerlichen Zustände im Lager Mauthausen bin ich nicht Augen- zeuge, aber ich weiß, daß andere Gefangene eine furchtbare Anklage erheben werden.

Hatte ein Gefangener in Dachau seinen Erdenweg beendet, so war er lageramtlich an Lungenentzündung, Herzschwäche oder sonst einer unverfänglichen Krankheit gestorben. Mochte er den übelsten Miß- handlungen erlegen sein, keine Zeile im Akt verriet es. Vor dem Kriege wurden die Angehörigen telegraphisch benachrichtigt, so daß sie bei günstigen Zugsverbindungen noch imstande waren, den Toten zu sehen. Einer der ersten verstorbenen Österreicher, Hochschulprofes- sor Baron Zeßner-Spitzenberg , konnte in die Heimat über- führt werden, ebenso Landeshauptmann Ing. Sylvester und Gene- ralsekretär Staud des Österreichischen Gewerkschaftsbundes. Wenn Angehörige des Toten eintrafen, wurde die Leiche in einen außerhalb des Stacheldrahtzaunes gelegenen Aufbahrungsraum ge- bracht, mit einem Papierhemd bekleidet und in einen anständigen Sarg gelegt, der durch Glaswände von den Besuchern abgetrennt war. So war es den Angehörigen unmöglich, etwa vorhandene Ver- letzungen oder Spuren von Mißhandlungen festzustellen. Überdies war ein SS -Unteroffizier bei diesem letzten Abschied zugegen. Dann kam die Leiche in einen primitiven Brettersarg und wurde eingegraben oder verbrannt, selbstverständlich ohne Einsegnung. Der gute Sarg aber war für die Aufnahme des nächsten Toten bereit.

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