geschnitten waren. Bei näherer Untersuchung fand man im Mund ande-
rer Toten angekautes Menschenfleisch... Überlebende sagten aus, sie seien schon in halbverhungertem Zustand einwaggoniert worden. Die Waggons seien ohne Aufsicht geblieben, einfach mit Vorhangschlössern abgesperrt. Der Transport sei dann drei Tage und drei Nächte bis Dachau gerollt und während dieser Zeit erhielten die Häftlinge weder einen Bissen Brot noch einen Schluck Wasser. Die Notdurft hatten sie in den dichtgefüllten Waggons zu erledigen. In den Stationen habe man den Transport auf entfernte Abstellgeleise geschoben, damit nicht auf den Bahnhöfen die Jammerrufe der Gepeinigten gehört werden.
Für die kranken Häftlinge war es ein Glück, daß das Regime im Spital in den weiteren Kriegsjahren immer mehr und mehr in die Selbstver-
. waltung durch Gefangene glitt. Die Aufsicht der SS wurde lockerer
und hörte nach Ausbruch einer Typhusepidemie im Jahre 1943 fast ganz auf. Auch die Ärzte der SS kamen immer weniger zur Geltung. Neben dem Chefarzt, der hauptsächlich mit administrativen Aufgaben beschäftigt war, gab es nur einen einzigen Assistenzarzt, der kaum seine Studien beendet hatte, aber auch bei größter Erfahrung und Praxis nicht imstande gewesen wäre, tausend und mehr Kranke wirk- lich zu betreuen. Gefangene Ärzte— es gab deren mehrere— durften keine ärztliche Tätigkeit ausüben, taten es aber heimlich und auf eigene Gefahr, zum Segen für ihre Mitgefangenen. Ich habe unter anderen einen hervorragenden tschechischen Arzt kennengelernt, der die SS - Arzte an Wissen und Erfahrung turmhoch überragte, aber nur als Ge- hilfe in der Prosektur verwendet werden durfte. Er hat vielen Kranken Gutes erwiesen und sich seiner Landsleute liebevoll angenommen.
Im Januar 1943 brach in Dachau eine Typhusepidemie aus, die unge- fähr 250 Opfer forderte. Der Aufenthalt in den überfüllten Typhus- baracken gestaltete sich zu einer besonderen Qual. Die Betten standen zweistöckig übereinander. Es gab kein Stroh mehr für Strohsäcke. Ich lag mehr als drei Monate mit hohem Fieber auf einem bretterharten Holzwollsack. Rekonvaleszente, Kranke und Sterbende lagen dicht nebeneinander. Ich habe— selbst in Fieber glühend— den Todes- kampf eines Gefangenen, knapp neben mir, zwei Tage und zwei Nächte lang schaudernd miterlebt. Zur Verrichtung der natürlichen Bedürf- nisse mußten die Fiebernden im tiefsten Winter aufstehen und ein stinkendes Klosett aufsuchen, das bei der Türe lag und daher eiskalt war. In einer eiskalten Waschkammer hatten sie sich zu waschen. Den
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