Solche Reste der Pietät wurden in späteren Jahren nicht mehr geübt. Die Toten, oft zwanzig und mehr an einem Tag, wurden frühmorgens in ein Leintuch gewickelt und in die Prosektur getragen, wo auch eine der oben erwähnten Todesursachen amtlich festgestellt wurde. Dann kamen sie in Dauersärge und wurden partieweise auf einem Lastanhänger- von Häftlingen gezogen zum Verbrennungsofen geführt. Die entleerten Särge wurden in die Prosektur zurückgebracht und am nächsten Tage wieder verwendet. Konnte man vermuten, daß Angehörige die Asche des Verbrannten verlangen werden, dann füllte man eben ein wenig Asche in eine Blechdose. Andernfalls wurden die verbrannten Knochen in eine Grube geschüttet.
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Ich schließe diesen Bericht über das Sterben in Dachau mit einer Erinnerung an den ersten Österreicher, der in Dachau aus dem Leben gegangen ist: Vizegouverneur der Österreichischen Postsparkasse, Sektionschef Dr. Robert Hecht. Er wurde am letzten Nachmittag seines Lebens in der Nähe meines Arbeitsplatzes gepeinigt und ich weiß daher um sein Ende. Er mußte gemeinsam mit einem anderen Häftling cine zerbrochene eiserne Pumpe hin- und herschleppen, deren Gewicht so groß war, daß er wiederholt in die Knie einsank und schließlich erschöpft liegen blieb. Als er sich wieder aufraffen konnte, rief ihn der beaufsichtigende SS - Unteroffizier zu sich und ließ ihn unter wüsten Beschimpfungen und Drohungen viele Male die tiefe Kniebeuge machen. Dann ging es neuerdings an die zerbrochene Pumpe. Als die unglückselige Arbeitspartie abends ins Lager zurückkehrte, konnte Dr. Hecht nicht mehr im Schritt mitgehen. Er taumelte wie ein Trunkener hinter der kleinen Kclonne einher, den Kopf tief in die Brust gepreẞt, den Rücken wie im Schmerz gekrümmt. Ich versuchte, ihn mit einem Blick zu grüßen, aber er erkannte mich nicht. Am nächsten Morgen fand man ihn erhängt in der Baracke.
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