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Nacht über Deutschland : Erinnerungen an Dachau ; ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Dritten Reiches ; aus dem literarischen Nachlaß / von Walter Adam
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manchmal ein paar Monate. In den wenigsten Fällen wurde dem Häft­ling die Dauer der Strafe mitgeteilt, er wußte also nicht, ob er für Wochen oder Monate verschollen sein würde.

Zu Beginn der Haft bekam der Gefangene nur jeden dritten Tag die normale Häftlingskost, an den übrigen Tagen nichts als ein Stück Brot. Er durfte weder lesen noch schreiben oder sich sonstwie be­schäftigen, es blieb ihm gar nichts anderes übrig, als vom Morgen­grauen bis abends vor sich hinzustarren.

Die Aufsicht in den Arresten führten SS - Unteroffiziere von bewährter Grobheit. Die Hauptperson im Arrest gehörte aber nicht der SS an, sondern war ein sehr alter, grauhaariger Häftling, der im Lager eine Art Gnadenbrot hatte. Über Wesen und Herkunft dieser seltsamen Gestalt, die von E.T.A. Hoffmann hätte erfunden sein können, habe ich nie Authentisches erfahren. Man erzählte im Lager, der ,, Bunker­Bernhard" habe vor vielen Jahren ein schweres Blutverbrechen be­gangen und den größten Teil seines Lebens im Zuchthaus verbracht. Aus dem Konzentrationslager hätte er längst entlassen werden können, er habe aber gebeten, bis an sein Lebensende bleiben zu dürfen, weil er von der Welt draußen nichts mehr wissen wolle. ,, Bunker- Bernhard" bewohnte allein eine besser eingerichtete Zelle und hatte auch sonst allerlei Begünstigungen. Ein Affe und ein halbwilder, schwarzer Hund begleiteten ihn, wenn er wie ein Gespenst im Lager herumschlich. Er war es, der die eigentliche Aufsicht über den Arrest führte und mit merklichem Vergnügen bei Prügelstrafen, Pfahl und anderen Marte­reien assistierte. Jedenfalls verdient er eine besondere Erwähnung, denn unter den vielen tausend Häftlingen, die mir untergekommen sind, war er der einzige, der gerne und freiwillig hinter dem Stacheldraht lebte. Ein Mittelding zwischen Arrest und Lagerbaracke bildete die ,, Isolie­rung" in besonderen, gegen das Lager streng abgesperrten Wohn­baracken. Viele Häftlinge kamen strafweise ,, in die Isolierung", andere ohne erkennbaren Grund. Durch lange Zeit war es auch üblich, alle neu eintreffenden Gefangenen für einige Zeit zu isolieren. Die Isolierbaracken waren alle überbelegt, statt 90 ungefähr 120 bis 150 Mann in einer Stube. Die dort untergebrachten Häftlinge, gekenn­zeichnet durch einen schwarzen Punkt auf Bluse und Hose, durften mit den anderen Gefangenen weder in der Freizeit noch während der Arbeit in Berührung kommen, wurden nur zu gröbsten Schwerarbeiten verwendet, hatten Rauch-, Kantinen- und Briefverbot, mußten in der

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