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Nacht über Deutschland : Erinnerungen an Dachau ; ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Dritten Reiches ; aus dem literarischen Nachlaß / von Walter Adam
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oder Monaten des Krieges auch viele andere Dokumente der Schande vernichtet worden sind.

Bleibt die Frage, wie es möglich war, daß eine immerhin sehr große Zahl von Gefangenen die Tortur der Schwerarbeit heil überstanden hat, darunter viele Männer in vorgerückten Jahren, die in ihrem frü- heren Leben niemals körperliche Schwerarbeit zu leisten hatten.

Die Antwort liegt in der Formel: List stand gegen Gewalt. Freilich, einen sicheren Weg, an den Gefahren der ersten Arbeitsjahre glücklich vorbeizukommen, gab es nicht und oft bedeutete die Anwendung klei- ner Tricks und Listen zugleich eine Erhöhung der Gefahr, denn wer erwischt wurde, hatte es schwer zu büßen. Aber keine Aufsicht, auch wenn sie von geübten Sklavenwächtern gehandhabt wird, ist lücken- los, besonders dann, wenn eine ganze Gruppe von Arbeitssklaven kameradschaftlich zusammenhält.

Einige Beispiele können das am besten erklären. Einer der ersten Capos der Österreicher im Jahre 1938 war ein Rechtsanwalt aus dem Rhein- land, ein kultivierter Mensch mit guten Umgangsformen. Wir hatten unter seinem Kommando tagelang eine sehr grobe und unangenehme Schaufelarbeit zu verrichten, bewacht von SS -Unteroffizieren, die uns zum schärfsten Arbeitstempo antrieben. Zeitweise entfernten sie sich aber in die Kantine oder zu einer Bummelei durch das Lager. Sobald sie abzogen, begann unser braver Capo laut und wild zu schimpfen. Das bedeutete das Zeichen, daß wir das Tempo mäßigen können. Und eine neue Schimpfwelle avisierte uns die Rückkehr der Aufscher.

Die erste Belehrung, die der Neuangekommene in Dachau von erfahre- nen Mithäftlingen erhielt, lautete so:Ihr müßt mehr mit den Augen als mit den Händen arbeiten. Es war wichtig, einen Arbeitsplatz mit Rückendeckung und guter Aussicht auf das Vorfeld zu gewinnen oder eine Gruppe zu bilden und diese durch Beobachter nach allen Himmels- richtungen zu sichern. Dann konnte man bei genügender Vorsicht und Aufmerksamkeit zeitweise eine Atempause einlegen oder sonst lässiger arbeiten. Eine volle Sicherheit gab das natürlich nicht. So hatte der Lagerführer Grünewald die Gepflogenheit, sich mit einem scharfen Fernrohr auf einem der Maschinengewehrtürme zu verstecken und von dort aus weit enffernte Arbeitsgruppen zu kontrollieren, die von dieser Art der Bewachung keine Ahnung hatten.

Beim Schaufeln ist lebhafte, taktmäßige Bewegung des Oberkörpers

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