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Nacht über Deutschland : Erinnerungen an Dachau ; ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Dritten Reiches ; aus dem literarischen Nachlaß / von Walter Adam
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und der Arme notwendig, da ein Stillhalten noch auf sehr große Ent­fernung deutlich erkennbar ist; aber wenn sich kein Aufsichtsorgan in unmittelbarer Nähe befindet, kann man sich viel Mühe sparen, wenn man die Schaufel wenig oder gar nicht belastet. Ich habe manche Viertelstunde mit ganz leerer Schaufel intensiv geschaufelt. Um bei Erdarbeiten einen günstigen Arbeitsplatz möglichst lange zu behaupten, konnte man in einem geeigneten Augenblick die geleistete Arbeit wieder zurückschaufeln und dann von vorne beginnen. Bei dem so mühe­vollen Fahren mit dem Schubkarren lockerte ich einen Nagel am Karren, suchte mir einen Platz mit Rückendeckung, legte mir einen großen Stein zurecht und hockte untätig daneben. Näherte sich ein Aufsichtsorgan, so schlug ich schimpfend und fluchend auf den ge­lockerten Nagel unvermeidliche Reparaturarbeit! Eine Woche lang hatte ich mit drei anderen Gefangenen große, braunglasierte Ton­röhren mauerartig zu schlichten. Die erste Mauer, die wir bauten, legten wir so an, daß sie uns gegen jede Sicht Deckung bot; dann konnte sich abwechselnd einer von uns vieren verstecken und rasten. Solche Tricks gab es unzählige. Wer sie verstand und dabei Glück. hatte, konnte sich manche Erleichterung schaffen, wer Pech hatte, büßte es am Pfahl.

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Je höher sich eine Arbeit über die Leistungen eines ungelernten Hilfs­arbeiters erhob, desto unsicherer wurde die Kontrolle durch die SS. Schon in den Werkstätten konnten die SS - Unteroffiziere den qualifi­zierten Facharbeiter nur disziplinär belästigen, vor dem Reißbrett aber und vor Büroarbeiten überhaupt hatten sie einen mit Verachtung und Haß untermischten Respekt. Die erste Erfahrung auf diesem Gebiete machte ich schon im Jahre 1939. Ein prominenter Wiener Journalist und ich hatten die Pläne und Linienbücher für das gesamte Dachauer Telephonkabelnetz anzulegen. Ein Obermonteur der Firma Mix und Genest, der uns bei dieser Arbeit anzuweisen hatte, hielt mit uns Häft­lingen, unterstützte uns und belehrte die SS mit finsteren Blicken über die Wichtigkeit und Schwierigkeit unserer Arbeit. So brachten wir es zuwege, drei Monate bei einer verhältnismäßig bequemen Arbeit zu vertrödeln, die wir leicht in drei Wochen fertiggebracht hätten. Die letzten eineinhalb Jahre arbeitete ich mit einigen anderen österreichi­schen Herren im Büro der ,, Plantage". Da die Arbeit keine körperliche Anstrengung erforderte, machten wir sie gut, aber wir legten es darauf an, die Kartotheken, Inventare, Standesmeldungen usw. möglichst

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