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Nacht über Deutschland : Erinnerungen an Dachau ; ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Dritten Reiches ; aus dem literarischen Nachlaß / von Walter Adam
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Arbeitsplätzen hatten dieCapos ein sehr weitgehendes Befehl- gebungsrecht über ihre Mannschaft. Ein Strafrecht war allen diesen Vorgesetzten nicht eingeräumt, inoffiziell konnten sie aber sehr empfindliche Ordnungsstrafen verhängen und sich manchen Roh- heitsakt erlauben.

So gab es also eine gar nicht geringe Zahl von Gefangenen als Zwischenvorgesetzte zwischen der SS und der Masse der Lager- insassen. Man darf gleich hinzufügen, daß diese seltsame, den Laien befremdende Einrichtung gut funktionierte und den wichtigsten Bei- trag zur Aufrechterhaltung der Ordnung im Lager lieferte. Dies fest- zustellen ist leicht. Viel schwieriger ist es, über die Zusammenarbeit von Häftlingen mit ihren Peinigern und geschworenen Feinden ein gerechtes Urteil auszusprechen.

Es gab nämlich auf Seite der Häftlinge für die Bereitwilligkeit, mit der SS zusammenzuarbeiten, sehr verschiedenartige Motive, höchst anständige und sehr gemeine. So war es gewiß gut und anständig, wenn ein Gefangener einen Vorgesetztenposten übernahm, um seine Untergebenen gegen Übergriffe der SS zu decken und durch kamerad- schaftliche Führung gewisse Dinge durchzusetzen, die sonst mit brutaler Gewalt erzwungen worden wären. Leider haben aber etliche andere Gefangene ihre Stellung als Vorgesetzte benützt, um sich in Roheitsakten auszuleben oder Erpressungen zu verüben, ja es gab einzelne Subjekte, die sich willig als Henkersknechte gebrauchen ließen. Zwischen solchen Grenzfällen gab es aber noch viele kleine, menschliche Schwächen, die manchem Gefangenen das Amt eines Blockältesten oder Capo begehrenswert erscheinen ließ: die Lust, zu befehlen und herumzukommandieren, schulmeisterliche Instinkte, die Eitelkeit, mehr zu gelten als ein anderer, ja sogar der harmlose Stolz auf eine besondere Armbinde. Dazu kam der preußische Kaser- nendrill, der so vielen Deutschen ohne Unterschied der Parteizuge- hörigkeit in den Knochen steckt, und der Respekt vor einer schönen Uniform, der im Unterbewußtsein auch dann fortwirkt, wenn der Träger all der Litzen und Silberschnüre und Gradabzeichen als Lump erkannt ist.

Am unteren Ende der lagersozialen Stufenleiter standen die Neuan- kömmlinge, zuerst die Österreicher, dann die Sudetendeutschen, dann

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