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Nacht über Deutschland : Erinnerungen an Dachau ; ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Dritten Reiches ; aus dem literarischen Nachlaß / von Walter Adam
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die Polen . Unsterblicher Kasernenhof: die alten Jahrgänge spielen große Herren, an den Rekruten wischt man sich ‚die Stiefel ab. In Lagern, wo diePolitischen in der"Mehrheit waren, galten die anderen, besonders dieGrünen, als mindere Klasse. Als aber tausend DachauerPolitische für fünf Monate nach Flossenbürg versetzt wurden, wo dieGrünen den Ton angaben, war es umgekehrt. Politischen Streit in ernsten Formen gab es wenig, auch ernst gemeinte Raufereien unter den Häftlingen ereigneten sich nur selten. Freund- schaftliche Beziehungen, aber auch Spannungen und Abneigungen bestanden ohne viel Rücksicht auf Partei, Stand und Nation. Er- freulicherweise war das Denunziantenwesen, das im Dritten Reich so üppig in die Halme geschossen war, im Lager nur wenig ent- wickelt. Mir ist nur ein krasser Fall in Erinnerung: Ein Häftling aus dem Saargebiet, ehemals Polizist, machte beim Lagerführer kurz nach seiner Einlieferung die Anzeige, daß 90 Prozent derniederen Nummern( das waren die Häftlinge mit sehr langer Haftzeit) wegen ihrer hochverräterischen Gesinnung und ihres Haßes gegen Führer und Partei an den Galgen gehören. Das war eine gefährliche Anzeige, die auf Tod und Leben ging, denn wir machten aus unseren Gedanken über die Partei und ihren Führer tatsächlich kein Hehl. Der Denun- ziant war aber zu kurz im Lager, um Namen nennen und konkrete Angaben machen zu können. Nachdem die Untersuchung versandet war, wurde er eines Nachmittags auf seinen Block zurückgeschickt und kurz darauf in der Lagergasse von Mithäftlingen mit bloßen Händen und Fäusten erschlagen.

Diebstähle unter den Häftlingen ereigneten sich nicht selten. Zu- meist handelte es sich um das liebe Brot. Der Hunger, dem so viele Häftlinge oft durch lange Zeit ausgesetzt waren, konnte gewiß als ein beträchtlicher Milderungsgrund gelten, anderseits fiel aber ins Gewicht, daß auch die Bestohlenen arme Teufel waren und selbst hungern mußten, wenn sie bestohlen wurden. Es war also not- wendig, gegen die Brotdiebe mit aller Strenge vorzugehen, da sonst die Diebereien im. Lager unerträglich geworden wären. Brot- diebe erhielten auf jeden Fall die Prügelstrafe, mußten mit einer Tafel um den Hals Pranger stehen und kamen dann in dieIsolie- rung. Meistens wurden sie auch von Mithäftlingen verprügelt. Während der Kameradschaftsdiebstahl unter allen Häftlingen als schmachvolle Handlung galt, wurde der Diebstahl aus Vorräten der