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Nacht über Deutschland : Erinnerungen an Dachau ; ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Dritten Reiches ; aus dem literarischen Nachlaß / von Walter Adam
Entstehung
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eine vierte Reihe. Eine Arbeitspartie von Häftlingen zog dann diese gräßlichen Leichenwagen, die nicht selten schon einen Verwesungs­geruch verbreiteten, über den Appellplatz zum Tor hinaus. Dabei ist zu bedenken, daß die Massenschlächterei der Juden nicht in Dachau , sondern in anderen Lagern besorgt wurde.

Eine Gruppe für sich bildeten etliche Monate die burgenländischen Zigeuner. Seit den Zeiten der Kaiserin Maria Theresia hatte man sich in Österreich und in Ungarn bemüht, eine humane Lösung der Zigeunerfrage zu finden. Das Dritte Reich fand eine einfache, echt nationalsozialistische Lösung: Die Zigeuner wurden wie eine Herde zusammengefangen, Männer und Knaben kamen nach Dachau , was mit den Frauen und Mädchen geschehen ist, haben wir nicht er­fahren. Die Zigeuner wurden ähnlich behandelt wie die Juden und auch unter ihnen war die Sterblichkeit sehr groß. Dann kamen sie in andere Lager und ich habe nichts mehr von ihnen gehört.

Wie gestalteten sich nun die Beziehungen dieser Menschen zuein­ander, so verschiedenartiger Menschen, zusammengedrängt auf aller­engstem Raum?

Läẞt man das Zusammenleben der Häftlinge im Konzentrationslager in einzelnen Zügen, Ereignissen und Episoden in der Erinnerung auf­erstehen, dann kann man leicht in den Fehler geraten, das ganze zu hell oder zu dunkel zu sehen. Überschaut man es aber aus einiger zeitlicher Entfernung, ohne Liebe und ohne Haß und mit dem Wissen um Ewigmenschliches, dann kommt man zu einer einfachen, allge­meinen Feststellung: Die gleichen Tugenden, Schwächen und Fehler, die gleichen Neigungen und Leidenschaften, die gleichen Eigentüm­lichkeiten der Charaktere und Gemüter, die sonst in der Welt zu Gruppierungen der Gesellschaft führen, wirken auch im Lager und erzeugen dort dieselben Erscheinungen wie außerhalb des Stachel­drahtes, allerdings in gewissen Verzerrungen.

Auch im Lager schichtete sich die Gesellschaft. Das Wort ,, Lager­aristokratie" war allen Häftlingen geläufig. Den Hauptbestandteil dieser merkwürdigen Aristokratie bildeten jene Gefangenen, die nach der Lagerordnung als Vorgesetzte ihrer Mitgefangenen fungierten, nämlich der, Lagerälteste" für das ganze Lager, ein Blockältester" für jede Baracke und ein, Stubenältester" für jede Stube. Auf den

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