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berg, mit einer Aussicht wie vom Posilipp. Ein dreimal täglich musizierender venezianischer Campanile, dem von San Marco in Venedig zwillingsbrüderlich nachgebildet, betont den italie nischen Charakter des hügelan klimmenden Universitätsgeländes, hier wie überall in Amerika „, Campus" genannt. Aber was für ein Campus unter Campussen ist das! Meerwinddurchspielte Eukalyptuswälder überwölben die marmornen Sitzreihen eines griechischen Amphitheaters, das sie, halbbeschattet, mit ihrem bittersüßen Laubgeruch würzig überhauchen. Wo in aller Welt gibt es noch einen solchen an die Villa Serbelloni Gott hab' sie selig- oder an die Villa d'Este erinnernden Bildungsgarten? Die Hörsäle sind in schmucken Palästen untergebracht, das Verwaltungsgebäude ist ein Schloß, das für Theateraufführungen und Konzerte bestimmte Auditorium nimmt, zum Teil unentgeltlich, zwölfhundert und mehr Besucher auf. Das Studentenkasino, eine Verbindung von Buchhandlung und Cafeteria, gekrönt von einer Kurhausterrasse, der waldschlößchenartig unter alten Bäumen halb versteckte ,, Faculty- Club", die weiträumigen Spielplätze, das ungeheure Stadion,- all das ist selbstverständlich im Bereich einer ame rikanischen Universität, die von der Voraussetzung ausgeht, daß für die heranwachsende Jugend das Beste eben nur gut genug ist. Was nicht selbstverständlich ist und dem Bilde in Berkeley einen Sonderzug hinzufügt, ist der Universitätsbach, der das abschüssige Gelände in der schönen Jahreszeit durchflüstert, in der Regenzeit durchrauscht. Aber die Regenzeit geht hier fast so rasch vorbei wie die Rosenzeit in Europa . Sie währt hier höchstens zwei bis drei Monate und, sonnenscheindurchwirkt, wie sie ist, hören darum die hohen Mimosenbäume und die rotviolett erglühenden japanischen Kirschbäumchen nicht auf zu blühen. Die übrige Zeit ist Sommer. Was nicht hindert, daß die riesigen Lesesäle der Universitätsbibliothek auch noch im Juli und sogar im August ängstlich geheizt werden.


