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sagen uns in Nekrologen gern etwas Angenehmes, weniger vielleicht aus einem verspäteten Bedürfnis, uns Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, als um vor sich selbst groß und edelmütig dazustehen in einer auch für sie schmeichelhaften Beleuchtung. Anderseits empfiehlt es sich, auch die Freundschaft der Freunde bei solchem Anlaß nicht blind zu überschätzen. Es stellt sich heraus, daß sie eigentlich herzlich wenig von einem gewußt und gelesen haben, aber um so rührender ist, wie sehr sie an einem hängen. Was noch beglückender wirkt, da wir sie zu gleicher Zeit ängstlich bemüht sehen, den Schein strenger Unparteilichkeit zu wahren, im Gegensatz zu den Feinden, die uns freigebig loben, um zu beweisen, daß sie sich unseren Tod gern etwas kosten lassen wollen. Anders die Freunde, die viel zu stolz sind auf uns, um sich auch nur den geringsten Grad von Voreingenommenheit nachsagen zu lassen. Sie zügeln ihren Enthusiasmus, wann immer er über die Stränge zu schlagen droht, und befleißen sich, Träne im Aug', exemplarischer Gewissenhaftigkeit bei unserer Beurteilung im Lichte der leider unvermeidlichen Nachwelt. Am deutlichsten wurde mir dies an dem gutgemeinten Manuskript, das, wie dies bei Handschriften kaum zu umgehen ist, auch einige Korrekturen enthielt. Da hatte der Verfasser etwa in seinem ersten Schmerz mich einen der hervorragendsten Schriftsteller unseres Zeitalters genannt, dann aber den hervorragendsten zu einem hervorragenden Schriftsteller schicklich abgemildert und schließlich mit einem Federstrich einen nur bedeutenden Schriftsteller ,, und Erzähler" aus mir gemacht, den einen durch den andern schwächend. Nun, auch ,, bedeutend" zu sein, ist so übel nicht, besonders bei Lebzeiten, und wenn man es schwarz auf weiß hat. Ich schied an diesem Abend nicht ohne Ergriffenheit von mir selbst und wünschte meinen lieben Nekrologisten eine dankerfüllte gute Nacht. Denn unbeschadet mancher kleiner Flüchtigkeiten und durch das Tempo meines Abscheidens bedingter Unstimmig


