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HITLERS GAST

hausbesitzer oder Schneider oder Buchhändler. Ihnen allen sollte der Laden, das Geschäft abgenommen werden, von dem sie mit Frau und Kind gelebt hatten, und das geschah in der Form, daß der Geschäftsinhaber nach Dachau kam, ohne An­gabe besonderer Gründe, es wären denn solche der deutschen Naziräuber- Ideologie. Der Laden blieb eine Zeitlang geschlos­sen, dann wurde ein Nazikommissar ernannt, und nach einer Weile war er der Besitzer, während sein Vorgänger im besten Falle mit dem nackten Leben davonkam. Nicht die politische Meinungsverschiedenheit, die Diebsgelüste einer organisierten Räuberbande waren der tiefere, uneingestandene Beweggrund der uns zugemuteten Umschulung in mindestens neun unter zehn Fällen. Es war eine Umschulung zum Zwecke bequemerer Beraubung.

Aber ein Schriftsteller ist ein merkwürdiges Lebewesen. Er ist dermaßen auf die interessanten Wechselfälle des Daseins erpicht, daß er noch auf dem Operationstisch oder auf dem Weg zum Schafott seine neugierigen Beobachtungen macht und, wie Thomas Mann einmal sagt, gegebenenfalls nicht so sehr ein Eisenbahnunglück erlebt, als vielmehr die Beschreibung eines solchen. Und am Ende möchte er die Beschreibung in seinem Lebensplane gar nicht missen.

Wäre Dante im siebenten Höllenkreise aufmerksam gemacht worden, daß es, gegen die Abrede, auch noch einen versteckten achten gibt, er hätte sich die Gelegenheit, seine Kenntnisse der Örtlichkeit zu bereichern, nicht entgehen lassen. Solch eine Teufelei muß man gesehen haben, hätte er gesagt und wäre die paar Stufen noch hinabgestiegen, um nachher über die Erlösung um so begründetere Auskunft geben zu können.

Die Erlösung wird im gegebenen Falle die Umschulung des deutschen Volkes zur Demokratie sein. Nur Hitler konnte ge­lingen, was keinem seiner autokratischen Vorgänger gelang: aus dem Deutschen einen Demokraten zu machen. Wohin ent­