DER HOLLE ZWEITER TEIL
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gingen in den deutschen Konzentrationslagern zugrunde, mit dem Schlußergebnis, daß am Ende ganz Deutschland , ja nahezu ganz Europa ein einziges deutsches Konzentrationslager wurde, dessen Insassen ausschließlich aus Gefangenen und Soldaten bestanden. Und auch noch die Soldaten waren Gefangene ihrer Gewaltregierung.
Wir hockten in den ersten Wochen meines Höllengastspiels zu dritt in einem Winkel der Baracke, auf dem nackten Boden aus unseren Näpfen tafelnd. Einer war ein hochgestellter Richter, der andere ein Großindustrieller, der dritte ich. Drei alte Knaben um die Sechzig. Einer überlebte. Die beiden anderen starben im Lager, nicht mehr in Dachau , aber in Buchenwalde, wo es noch schlimmer war. Ich komme mir wie ein Drückeberger vor.
Wo bleibt die Gerechtigkeit, der ich als junger Richter mit dem Gesetzbuch in der Hand und später als Schriftsteller mit der Feder zu dienen bemüht war, ein langes Leben lang? Darum war ich ja auch nach Dachau gekommen, weil ich in einer Pen- Club- Resolution dagegen protestiert hatte, daß Schriftsteller ihrer Rassezugehörigkeit oder ihrer politischen Überzeugung wegen ins Konzentrationslager verschickt werden konnten. Dafür hatte ich mit fünf Monaten in Dachau zu büßen gehabt, mit„ nur“ fünf Monaten, wie die Herren bei der Wiener Gestapo launig zu sagen pflegten. Denn fünf Monate waren nach ihren Begriffen soviel wie nichts. ,, Sie haben eben nur so hineingerochen ins Lager", sagten sie.
Immerhin, ich war in die Hölle gekommen, weil ich den Nazismus wie die Hölle haßte. Aber die meisten unter uns, die Tausenden von Österreichern, die nach uns in langen Nachtzügen verprügelt ankamen, waren aus ganz anderen Gründen dort. Das waren kleine Geschäftsleute, Inhaber einer Bäckerei oder Schusterei, oder eines Uhrmacherladens, einer Radio- oder Elektrizitätswerkstätte, oder sie waren Juweliere oder Kauf


