DER HOLLE ZWEITER TEIL

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Blockschreiber um fünf Uhr morgens aus der Kanzlei zurück­kam, hatte ich auf diesen hoffnungsvollen Zettel gewartet und mit der Möglichkeit sehnsuchtsvoll gespielt, daß er meinen Namen enthalten könnte. Nur heute, zum erstenmal, hatte ich nicht daran gedacht. Und doch hätte ich darauf gefaßt sein müssen nach dem tags zuvor mit mir aufgenommenen Lager­akt, in dem ich mich unter Verzicht auf jedweden Entschädi­gungsanspruch damit einverstanden erklärt hatte, auszuwan­

dern.

,, Sind Sie dazu bereit?" hatte mich der Gestapo - Offizial, ein behäbiger Münchner , düster gefragt.

Ich antwortete: Ich bin in Wien geboren und habe immer gehofft, in Wien sterben zu dürfen. Aber wenn Sie es wün­schen, bin ich auch bereit, auszuwandern."

,, Sogar nach Amerika ?" hatte er sich gewissenhaft erkundigt. Mein Herz jubelte über dieses idiotische ,, Sogar". Doch hatte ich ,,, umgeschult", im Lager gelernt, mein Mienenspiel zu be­herrschen und mich zu verstellen.

,.Sogar nach Amerika !" erwiderte ich gefaßt. Worauf das Untier eine Notiz machte.

Was jetzt geschah, war die Folge jener Notiz.

Wir waren unser zwei an jenem Sommermorgen der Be­freiung, zwei von sechstausend, woraus sich, da die Entlassun­gen immer nur einmal täglich, am frühen Morgen, stattfanden, die durchschnittliche Hoffnungsrate für jeden der hinter uns Zurückbleibenden höchst entmutigend berechnen ließ.

Mein Kamerad war ein hessischer Bauarbeiter, ein Mann in mittleren Jahren. Während er, wie ich mit nichts als einem Armensünderhemde bekleidet, im Vorzimmer des Arztes der abschließenden Besichtigung entgegenharrte Leute mit sicht­baren Wunden wurden nicht entlassen- konnte ich ihm trotz der empfindlichen Morgenkälte sein Glück vom Gesichte lesen. Nach erfolgter ärztlicher Begutachtung erhielt ich mit meinen

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