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KZ Sachsenhausen / im Auftrag des Hauptausschusses "Opfer des Faschismus" herausgegeben von Lucie Großer
Entstehung
Seite
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Schlaf. Der dritte Marschtag begann; nur langsam ging es weiter. Nur nicht umfallen, denn das ist der Tod.

Manchmal setzten wir uns alle zugleich demonstrativ an den Straßenrand. Petri jagte uns weiter.

Da auch die SS - Posten sehr ermüdet waren, wurde am späten Nachmittag der Marsch abgestoppt. Wir waren völlig fertig. Nun erhielten wir als erste Verpflegung nach drei Tagen Pellkartof­feln. Viele hatten ihr Brot schon längst verzehrt. Am nächsten Morgen ging es weiter; endloses Marschieren, das wenige Gepäck schnitt die Schultern und drückte wie eine Zentnerlast schieren, immer nur marschieren-.

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Die Straßen waren voller Trecks.., Wir mußten fort, die SS hat uns rausgejagt", so sagten manche Flüchtlinge. Es waren sicher aber auch Faschisten unter ihnen. Dann überholte uns plötzlich Berliner Polizei auf Tankautos und Motorrädern. Wir sagten uns, nun sind die Russen sicher in Berlin . Das gab uns neue Kraft.

Eines Tages, der wievielte es war, weiß ich nicht, kamen wir in den Wald von Below. Dieser Wald wurde für einige Tage unser Lager und für viele unserer Kameraden ein Massengrab. Wir bau­ten aus Laub und Ästen Zelte und Erdlöcher. Nachdem wir uns eingerichtet hatten, jagte uns die SS in ein anderes Waldstück. Wir hatten unsere Ruheplätze für die SS- Wachmannschaften ge­baut. Neue Lagerstätten und Laubhüten wurden errichtet. Dann wurde Lagerfeuer gemacht, woran wir uns erwärmen wollten. Das Feuermachen wurde verboten: trotzdem blieben die Feuer. Der Lagerführer Kolb ließ daraufhin zwei Mann aufhängen, weil sie das Feuer nicht gelöscht hatten. Es half nichts; Feuer wurde gemacht, eine Lagerdisziplin gab es nicht mehr. In diesem Wald­lager erhielten wir von der SS als Verpflegung einmal zwei kleine oder eine große Pellkartoffel, zweimal einen Löffel Haferflocken. Das alles in fünf Tagen.- Es blieb uns überlassen, Wurzeln zu suchen, oder Brennesselsuppe mit Baumrinde zu kochen. Bald gab es jedoch weder Laub noch Brennessel, denn die Postenkette war eng gezogen. Das Wasser im Dorf reichte nicht aus, um den Durst der vielen Tau­sendees waren 18 000 Häftlinge hier zusammengetrieben- zu stillen. Mit Stockhieben wurden die Wasserholer zurückgejagt.

Am zweiten Tag erkämpften wir uns den Zugang zu einem Bach. Oberhalb desselben wusch sich die SS, unterhalb durften wir das getrübte Wasser als Trinkwasser schöpfen. In unserer größten Not kamen viele Lastautos des Internationalen Roten Kreuzes, die mit großem Jubel begrüßt wurden. Wir erhielten je sechs Mann ein Paket. Das rettete vielen das Leben. Aber für andere kam es zu spät. Eines Morgens hatten wir 228 Tote, die vor Erschöpfung in der Nacht gestorben waren.

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