Der Marsch in die Freiheit
Am 21. April 1945, morgens um 2 Uhr, begann die Evakuierung des Lagers Sachsenhausen.
Von seiten der Lagerleitung war nichts vorbereitet, um dieses schwierige Unternehmen reibungslos durchzuführen. Es gab keine Proviantwagen, keine Feldküchen, keine Quartiere und keine Sanitäter, es gab nicht einmal ein Reiseziel, kein Auffanglager. Für die SS- Lagerfünrung gab es nur eins: die Angst, zur Verantwortung gezogen zu werden für alle Brutalitäten, die sie sich im Laufe der Jahre aufgeladen hatte. So wurden 30 000 Häftlinge, etwa 25 000 Männer und 5000 Frauen auf die Landstraßle gejagt, dort dem Hungertode überlassen und die Erschöpften durch Genickschuß ermordet.
Es war uns klar, diese Evakuierung war ein Vorwand für die SS, sich von dem Fronteinsatz zu drücken. Die Gruppe, bei der ich mich befand, bestand aus fünf Hundertschaften. Wir marschierten um 3 Uhr nachmittags los. Als Marschverpflegung erhielten wir ein Brot und 250 g Wurst. Später erfuhr ich, daß alle die Kolonnen, die nach uns abmarschierten, keinerlei Verpflegung mehr bekamen. Bis zum Eintritt der Dunkelheit wurden wir vorwärtsgejagt. In unbekannter Richtung nach Mecklenburg . In einem Dorf begann nach einem nichtendenwollenden Zählappell der Kampf um ein Nachtlager. Eine Scheune, die etwa 200 Menschen aufnehmen konnte, war für uns vorgesehen. Da nicht alle dort unterkamen, mußte der größte Teil drauflen schlafen. Am nächsten Tage wurden wir wieder vom Morgengrauen bis in die Nacht vorwärtsgetrieben. Der Transportführer war ein Hauptsturmführer Petri. Er erklärte, daß er keine großlen Umstände mit uns machen werde, ein Maschinengewehr sei rasch aufgestellt und im Straßengraben genügend Platz für uns. Daß das keine leere Drohung war, fanden wir bestätigt. Die Opfer der uns vorangegangenen Kolonne lagen zu beiden Seiten des Weges, durch Genickschuß liquidiert. Ein anderes Mal drohte Petri:„ Macht bloß nicht so dumme Gesichter!" Unsere hohlen Wangen, unsere von Fieber und Durst aufgesprungenen Lippen, unsere anklagenden Blicke, das waren für ihn..dumme Gesichter". Er gestattete uns nicht, daß wir in den einzelnen Ortschaften Wasser holten. Am zweiten Abend bekam ich, nachdem ich zwei Stunden im strömenden Regen gestanden hatte, doch noch Platz in einer Scheune. Sie hatte wohl vorher als Kohlenschuppen gedient. Zitternd vor Kälte, Nässe und Erschöpfung sank ich in den Kohlenstaub und fiel trotz Prefkohlen und Koksstücken in
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