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KZ Sachsenhausen / im Auftrag des Hauptausschusses "Opfer des Faschismus" herausgegeben von Lucie Großer
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ein teuflisches Verkleidungsfest, auf dem seine SS - Leute einfach " weifle Kittel trugen und sich als Ärzte gebärdeten.

Radiomusik stimmte die Gefangenen noch froher als zuvor, denn die Ärzte erklärten jedem, daß er nun gutes und reichliches Essen bekommen werde, aber durchaus nicht zuviel dafür arbei­ten müsse. Aus statistischen Gründen müsse man nur noch die Körperlänge genau feststellen. Dazu waren an der Längswand des Schuppens Meßlatten angebracht. Es waren richtige Meß­latten mit einer sonderbaren Einrichtung, über die man sich aber weiter keine Gedanken machte. In der Höhe von 1,50 bis 1,70 m nämlich waren kleine Löcher von etwa fünf Millimeter Durch­messer. Hier stellten sich die Gefangenen zur Messung bereit. Der damalige Rapportführer des Lagers, Sorge, der Eiserne Gustav" genannt, sprach die Gefangenen noch einmal an. Durch ihn, sagte er, sei nun allen Arbeit und Brot vermittelt. Er erwarte dafür keinen Dank als diesen einen: Die Gefangenen möchten ihm ein schönes russisches Liedchen vorsingen. Die Gefangenen sangen es ihm vor, und mit Tränen in den Augen dankte er ihnen dafür. Es war der letzte widerlichste Akt dieses höllischen Theaters, denn nun, als die Gefangenen an die Meßlatten traten, brüllten die Lautsprecher ihre Radiomusik in voller Tonstärke. Nun konn­ten die SS - Leute, die an der Innenwand der Baracke hinter der Meßlatte gestanden hatten, ihren Genickschuß durch die Löcher der Latten jagen.

Was nun geschah, bedurfte der heuchlerischen Theatralik nicht mehr. Die Toten wurden auf einen Wagen geschmissen und zum Krematorium hinüber gefahren. So hielt der Kommandeur, SS­Obergruppenführer Loritz, doch wenigstens eines seiner Ver­sprechen: daß sie heute nacht in einem warmen und geräumigen Raum schlafen würden.

20 Minuten später rollte der nächste Lastwagen heran.- Es gab Tage, an denen 30 solcher Todeswagen von den Baracken zum Industriehof hinüberwechselten. Das bedeutete, daß an, sol­chem Tage 1000 Gefangene den Tod fanden..

Bis in den Spätherbst zog sich die Liquidierungsaktion" des SS - Obergruppenführers Loritz hin. Etwa 18 000 Gefangene wur­den dabei weggeräumt. Längst schaffte der Verbrennungsofen die Arbeit nicht mehr, und vier fahrbare andere Verbrennungsöfen wurden hinzugezogen. Fast wurden die Mordschützen, die aus ihrem Versteck die Genickschüsse durch die Latten jagten, ihrer eintönigen Arbeit müde. Sie waren durchweg Blockführer und Kommandoführer im KZ. Sachsenhausen . Sie alle aber durften sich in dem Gedanken trösten, daß sie als erste in der Geschichte der Menschheit eine solche Art Massenmord ausführten.

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