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KZ Sachsenhausen / im Auftrag des Hauptausschusses "Opfer des Faschismus" herausgegeben von Lucie Großer
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Ein grausiger Totentanz

Die Erschiebung von 18000 Russen

Im August und September 1941 waren sie angekommen, die ersten russischen Kriegsgefangenen. Erschöpft, verlaust, ver­dreckt. Ihre kranken und toten Kameraden hatten sie mitge­schleppt. 30 km nördlich Berlin , in Sachsenhausen, wurden sie untergebracht. Kein Arzt kümmerte sich um sie, jede Scheibe Brot war ein außerordentlicher Gnadenerweis. Sie verkamen. Sie verhungerten. Jeden Morgen lagen die Leichen der Russen, die der Tod erlöst hatte, vor den Baracken. Aber jeden Tag trafen auch neue ein. Dieses Absterben der Russen ging dem Lager­kommandanten, SS- Obergruppenführer Loritz, nicht flott, nicht forsch, nicht zackig genug. Hier mußte, verdammt nochmal, schneidig durchgegriffen werden.

Und so hob sich der Vorhang vor dem grausigsten Totentanz, der in dem Hirn dieses SS- Unmenschen erdacht wurde.

Es war Oktober geworden, noch waren die Tage spätsommer­lich, mild und schön, aber die Nächte ließen die mit nichts ver­sehenen Gefangenen schon frösteln. Krank und unterernährt baten sie immer wieder um Hilfe. Da ließ der SS- Obergruppen­führer antreten. Durch einen Dolmetscher teilte er ihnen mit, er habe ihnen nunmehr eine schöne und gar nicht schwere Arbeit verschafft, und dort werde die Verpflegung gut und reichlich sein, und die Unterkunft sei warm und geräumig. Damit aber keiner eine Arbeit leiste, die etwa seiner Gesundheit unzuträglich sein könnte, würde zuerst ein Arzt den allgemeinen Körperzustand untersuchen. Diese Worte sprach er milde, menschlich und voller Güte. Die Gefangenen drängten sich zu den Lastkraftwagen, die inzwischen auf den Barackenhof gefahren kamen; sie freuten sich, endlich aus der trübseligen Eintönigkeit ihrer Gefangenschaft herauszukommen und sich endlich wieder einmal sattessen zu können. In ihrer Freude bemerkten sie kaum das Lächeln, mit dem der SS- Obergruppenführer gesprochen hatte. In ihrer Freude bemerkten sie kaum, daß kein anderer der Lagerinsassen sich außerhalb der Baracken befand.

30 bis 35 Gefangene faßte ein Lastwagen; der erste rollte hin­aus, zu dem sogenannten Industriehof hinüber. Hier standen Ärzte in weißen Kitteln. Sie horchten das Herz der Gefangenen ab, sie fühlten den Puls.

Wer von den Untersuchten konnte ahnen, daß Herr SS- Ober­gruppenführer Loritz hier einen grausigen Fasching feiern ließ,

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