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Mützen ab ... : eine Reportage aus der Strafkompanie des KZ. Auschwitz / Zenon Rozanski
Entstehung
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einen gesicherten Aufenthalt und fürs Frühjahr rechnete ich mit meiner Entlassung aus der SK.

Mit der Änderung der persönlichen Lage änderten sich auch meine Interessenkreise. Das Gespenst des Knüppels und des Schorn­steins, des Krematoriums, welches so eng mit dem Leben eines SK­Mannes verbunden war, machte anderen, angenehmeren Gedanken Platz. Nun war es ,, wichtig", welcher Kamerad im Laufe des Tages auftauchte und was er brachte, wer im ,, Durchfallsaal" die Meister­schaft im Schachwettbewerb gewann, wann der Saalkommandant die ,, Künstler" zum Auftreten einlud usw.( Die ,, Künstler" setzten sich aus verhafteten Berufsschauspielern zusammen, die in ihrer freien Zeit die kranken Kameraden belustigten.)

Die ,, Paradiestage" vergingen schnell und wurden zu Wochen und Monaten. Ehe ich mich versah, war der Winter vorbei, und ich traf schon langsam Vorbereitungen zur Rückkehr in die SK. Dort wollte ich mich bei der ersten Gelegenheit beim Lagerführer melden und ihm die Bitte um meine Entlassung aus der SK vortragen.

Eines Tages im Februar erwachte ich mit starken Kopfschmerzen und hohem Fieber. Das Frühstück konnte ich nicht herunterbringen, und das Mittagbrot, das mir meine Kameraden aufdrängten, gab ich­in kürzerer Zeit zurück, als ich es gegessen hatte. Man beschloß, mich ins Erdgeschoß zur Untersuchung zu schicken.

Gegen Mittag begab ich mich, geführt von zwei Freunden und einem Pfleger, auf Nr. 5, wo ein Arzt, der selbst Häftling war, am­tierte. Unterwegs wurde es mir plötzlich schwindlig und ich sank besinnungslos in die Arme der Kameraden.

Am nächsten Tag erst erwachte ich im Typhussaal. Der Fleck­typhus, welcher um diese Zeit im Lager wütete, hatte auch mich nicht verschont. Am fünften Tag gesellte sich zu allem Übel noch eine Gehirnhautentzündung hinzu.

Ich verlor wieder die Besinnung, diesmal für rund drei Wochen. An einem Märzmorgen erwachte ich abgezehrt, ausgehungert und von Spritzen zerstochen. In den nächsten Tagen hörte ich die be­reits ,, historisch" gewordenen Berichte über meine Krankheit, aus denen hervorging, daß ich mich eigentlich schon mit beiden Füßen in der ,, anderen" Welt befunden hatte. Mein kräftiger Organismus und die herzliche Pflege der Mithäftlinge, sowohl der Ärzte als auch der Häftlingspfleger, hatten mich gerettet.

Nachdem das Fieber gesunken war,' wog ich rund vierzig Kilo­gramm. Ich hatte also die Hälfte an Gewicht verloren.

Die Pläne der Rückkehr in die SK beschäftigten mich von neuem. Nach weiteren zwei Wochen hatte ich wenigstens soviel Kraft, daß ich ohne Hilfe des Pflegers auf die Toilette gehen konnte.

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