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Theresienstadt, der Friedenskönig hält Einzug im Ort der Schrecken.
Und dann erzählt uns Bolek von den Weihnachts- bräuchen in seiner polnischen Heimat. Da sind gar viele, die ich nicht mehr behalten habe und gar schöne Gebräuche sind es, wie wir ja auch in diesem Lager gemerkt haben, daß die polnische Nation wohl die ist, die noch die meisten lebendigen Volks- lieder singt. Weihnachts- und Hirtensingen ver- anstalteten sie und alle Lieder waren von allen durch alle Strophen auswendig gewußt: Man merkte: hier war das Lied wirklich noch Volkslied und nicht literarische Angelegenheit.
So feierten wir Weihnachten. Eine Weihnacht der Erinnerung und als alle ihre Erlebnisse berichtet hatten, da war es späte Mitternacht und wir waren froh. Wir gingen noch zum Block 23, der wegen Seuche abgesperrt war. Hier hauste unser Gruppen- Bruder Ignaz J. Er hatte sich freiwillig nach über- standener Seuche wieder zur Arbeit in diesem Todes- block gemeldet, weil man annahm, daß solche, die die Seuche schon einmal durchgemacht hatten, widerstandsfähiger gegen sie seien. Durch ein kleines Löchlein im Zaun begrüßte er uns. Wir tauschten Weihnachtsgrüße und-geschenke. Und er erzählte, wie er es diese Nacht gewagt und auf einer Stube Gottesdienst, die heilige Messe gefeiert hatte zur übergroßen Freude der vielen armen Katholiken, von denen manche jahrelang nicht mehr der Messe hatten beiwohnen können.
Als wir zu unserem Block zurückkamen, wurde eben der kleine, wohlbekannte Totenkarren an uns vorbeigeschoben, mit dem man Einzeltote vom Block holte. Wir nahmen, wie wir es immer zu tun pfleg- ten, unsere Mützen ab und beteten für den Ver- storbenen. Gleichzeitig machte uns das in aller Freude wieder auf den dunklen Hintergrund, auf die gespenstische Silhouette des Kz. aufmerksam.
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