Denn kam Neujahr 1945.
Was sollte uns dieses Jahr bringen? Menschlich ge- sprochen war für uns keine Aussicht. Die letzten Monate waren durch steigende Nervosität gekenn- zeichnet. Ständig kamen Transporte evakuierter Lager in das Kz.; ständig mehrte sich darum der Zu- zug auf die Blocks. Zu 400, ja zu 500 waren die Leute.auf einer Stube zusammengepfercht.
Bene in welchem Zustand waren die Neuangekommenen!
Ein Bild für viele:
An einem Tag waren gegen 800 neue Häftlinge an- gekommen. Sie hatten einen Tag und eine Nacht völlig nackt auf dem Appellplatz zubringen müssen, weil man einfach keine Kleidung für sie hatte; ihre Privatsachen aber wurden ihnen nicht gelassen. Dann wurden sie dürftig mit Hemd und Unterhose bekleidet, endlich zum Block zugelassen. Da kamen sie nun gewankt, wandelnde Gerippe, mit grinsen- dem, bleckendem Totenschädel; 30jährige junge Männer und Männer in der Mitte ihres Lebens taste- ten mit zitternden Knien Schritt vor Schritt, weil sie sich kaum aufrecht halten konnten. Und wie waren sie gekleidet! Hier ein langer Kerl mit einem kleinen, dürftigen, durchlöcherten Unterhöschen und einem Hemd, aus dem die blanken Schultern und die bloßen Rippen starrten. Das war alles!
Man wußte diese Menschen einfach nicht mehr un- terzubringen und deswegen mußte Knall und Fall der ganze Polen -Priester-Block geräumt werden. Die Polen kommen auf unseren Block nach der mathematischen Überlegung: wo 200 hineingehen, gehen auch 400 hinein, wenn man sie hineinsteckt. Während des Umzugs standen die Armen auf der Lagerstraße in Wind und Wetter. Wir erbarmten uns ihrer und ließen sie in unsere Kapelle gehen. Sie standen aber da so eng, daß sie sich noch nicht
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