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Gefangener der Gestapo / von Wilhelm Poiess
Entstehung
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portiert werde, wo ich am 12. Mai eintreffen würde. Diesmal kostete die Botschaft mich nur einen tiefen Atemzug. Seelisch war ich ja längst darauf vor- bereitet, ja ich freute mich gewissermaßen darüber, daß endlich eine klare Entscheidung getroffen wurde. Freilich kam mir noch einmal die Ungerechtigkeit des ganzen Verfahrens zu Bewußtsein. Nach meiner Entlassung durch den Staatsanwalt war ich wiederum 8 Monate in Polizeihaft, ohne ein Verhör, ohne daß weitere Belastungen gegen mich vorgelegen hatten. Zum Schluß werde ich kurzerhand und ohne Angabe der Gründe einfach nach Dachau geschickt; vermut- lich, wenn nicht höhere Fügung eingreifen würde, für den Rest meines Lebens. In diesen zwei letzten Tagen haben mir alle Bekannten des Gefängnisses viel Liebes getan. Wachtmeister Z. konnte sich gar- nicht genug tun im Erweisen von Liebesdiensten. Er schmuggelte mir einen langen Brief nach Hause. Er brachte mir Gebäck, sogar ich erinnere mich dessen noch gut zwei Marzipanstangen. Er kam immer wieder, um mich zu ermuntern, fand mich aber munter und durchaus gefaßt. Sodann auch Dr. Sch., dem mein Abschied sehr naheging, zumal auch seine Zukunft für ihn gänzlich im Dunkel lag. Und auch mir wurde gerade der Abschied von ihm sehr schwer. Erwähnen möchte ich noch den guten Wacht- meister Schl., der mir am Morgen der Abreise zwei Leberwurst-Brötchen brachte, wie er sagte:Als Gruß

von meiner Frau. N

Am Donnerstagmorgen war ich dann zum Transport bereit. In aller Herrgottsfrühe weckte mich Z. und ich konnte die letzten Stunden bei ihm auf der Hausvaterei verbringen, bis es dann endlich scheiden hieß, und er sagte sichtlich schweren Herzens:So, Herr Pater, jetzt muß ich Sie in die Entlassungszelle einsperren, weil Sie jeden Augenblick geholt werden können, und dann ergriff es mich tief, daß er die Türe der Hausvaterei schloß, sich vor mir nieder- kniete und um meinen priesterlichen Segerf bat. Das

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