nicht fähig, ein ganzes Vaterunser oder Ave Maria zu beten, sondern immer nur Stoßgebetchen stam- melnd, in jedem Augenblick eines Bombentreffers gewärtig. Gerade das Bewußtsein, ohnmächtig in der Zelle eingeschlossen zu sein, nichts tun zu kön- nen, verstärkt die Angst. Ein Glück nur, daß ich durch Fritz immer wieder auf dem Laufenden ge- halten wurde. Er war in dieser Nacht auf dem Dach, um das Gefängnisdach vor den ringsherum wütenden Bränden zu schützen. Am anderen Morgen brannte ganz Frankfurt . Dieser Tag, der 19., ist für mich ein denkwürdiger. Es war der Tag, an dem ich durch die Vermittlung meines„Engels“ die Messe lesen konnte. Und noch ein Zweites brachte der Tag, wo- ran wiederum Fritz schuld war. Am Nachmittag holte mich Hauptwachtmeister G. aus meiner Zelle und setzte mich zur Arbeit in der Packerei ein. Nach 17 Monaten konnte ich so zum erstenmal mit Kame- raden arbeiten. Wir konnten miteinander sprechen und vor allem konnte ich längeren Umgang mit Freund Fritz pflegen. Schon an diesem Tage gelang es Dr. Sch., mich ‚mit Hilfe eines befreundeten Wachtmeisters auf das Gefängnisdach zu führen. Ich sah das an allen Ecken und Enden brennende Frank- furt. Nach Monaten der Haft mein erster Blick in die’freie Weite. Aber welch ein Blick! Er war wie ein Symbol des vergehenden Deutschland . Ich sah den völlig zerstörten Flügel des Gerichtsgebäudes und wie man mit Riesenbaggern daran arbeitete, die über 150 Toten des darunterliegenden öffentlichen Luftschutzkellers zu bergen, 45 Mädchen einer Mädchenschule darunter. Bei einem Angriff war auch die Klapperfeldstraße schwer getroffen worden und nicht mehr bewohnbar. Eine Anzahl Gefange- ner waren umgekommen, jedoch keiner meiner Mit- brüder, von denen ja immer noch vier im Polizei- gefängnis waren, darunter auch P. Schulte, der Pater Provinzial. Aber die Gefangenen mußten nun in andere Gefängnisse verlegt werden. P. Schulte
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