Schon verschiedentlich hatten wir wieder heftige Angriffe zu bestehen gehabt und Frankfurt sank zu- sehends mehr in Trümmer. Da kam der Großangriff vom 18. auf den 19. März. Diese Nacht war besonders schlimm und auch die UHA verlor fast sämtliche Fenster und die meisten umliegenden Häuser brann- ten lichterloh. Ich kniete während dieser Nacht unter dem Fenster und konnte vor Erregung nicht einmal ein ganzes Vaterunser beten.„Vater unser, Vater unser...“ bete ich immer wieder wie ein Stoßgebet, während Bomben und Luftminen mit unheimlich zischendem Geräusch niedergehen und die Wände! von den Detonationen rings erbeben. Jeden Augen- blick denke ich:„Jetzt sind wir dran!“ Eingesperrt in der Zelle war das Gefühl der Ohnmacht nur umso stärker. Die Nerven vibrierten förmlich und im Hause schrieen und tobten die Gefangenen mehr denn je.
Nach diesem ganz besonders schweren Angriff war
am folgenden Tage große Unruhe und Unordnung
und Aufregung im Hause. Diesen allgemeinen Trubel nutzte nun mein guter„Engel“ zu einer ganz super- schlauen und frohen Überraschung aus.
Er kommt plötzlich zu mir, der ich im Gefängnis- arbeitszeug mein kleines Stanzmaschinchen bediene und kommandiert:„Los, kommen Sie mit!“ Ich, wie ich bin, in Filzpantoffeln, Schürze und Gefängnis- jacke ihm nach. Er schließt die Sakristeitür der Ge- fängniskapelle auf, und wie ich hineinkomme, ist auf dem Tisch, dem Ankleidetisch, der Altar völlig zur Messe bereitet, mit Altarstein und allem Zubehör. Und nun begreife ich und ziehe mich zur Messe an. Er schließt sich mit mir ein und so lese ich nach 16 Monaten zum erstenmal wieder am Nachmittage des St. Josefsfestes die hl. Messe.
Das war ein großes Erlebnis, und ich muß gestehen, daß es mir die Tränen in die Augen trieb. Nun konnte ich endlich das Memento für die vielen Toten machen, war doch im Juni meine Mutter gestorben,
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