Die Kameraden, die ich von dieser Aussicht in Kenntnis setzte, beglückwünschten mich. In dem einen und anderen regte sich das Bedürfnis, mir zu sagen, daß der Gang in die Freiheit unter solchen Umständen auch nicht viel mehr sei als der Gang in den Tod. Ich verstand sie. Ich gab ihnen recht, aber ich verabschiedete mich von allen mit dem Ausdruck der Hoffnung auf ein Wiederbegegnen in einem freieren und besseren Deutschland .
In der fünften Morgenstunde des 2. März erhielt ich die so sehnlich erwartete„ Vorladung zum Rapportführer", mit der jede Entlassung eingeleitet wurde. Ich war nicht der einzige, der das Lager verließ. Auch andere mußten zur Wehrmacht . Nach Erledigung der üblichen Formalitäten: ärztliche Untersuchung, Bad, Umkleidung auf der Effektenkammer in die Zivilkleider irgendeines ermordeten Juden( unsere eigenen Kleider waren bereits nach Bergen- Belsen geschickt), unterschrieb ich in der Politischen Abteilung den berühmten Vertrag, der jeden entlassenen Häftling verpflichtete, tiefstes Stillschweigen zu wahren über alle Einrichtungen des Lagers, nichts zu sagen über irgendwelche Vorfälle, gleich welcher Art, und anzuerkennen, daß bei der Abgabe dieser Erklärung keinerlei Zwang auf ihn ausgeübt worden sei.
Man händigte mir einen Entlassungsschein und den Stellungsbefehl aus; durch diesen erfuhr ich, daß ich mich binnen 24 Stunden bei der 23. Artillerie- Ersatz- und Ausbildungsabteilung in Jüterbog , Altes Lager, zu melden habe. Meine Hoffnung auf ein Wiedersehen mit meinen Angehörigen war zunichte.
Der Lagerführer, dem wir nach Erledigung dieser Dinge noch vorgestellt wurden, empfahl uns, als tapfere Soldaten für den Führer zu sterben, salutierte und ging.
Wir gingen auch.
Ein Blockführer begleitete uns durch den Kommandanturbereich, durch das große Außentor und bis zum äußersten Posten an der Straße nach Oranienburg .
Ich war frei!
Ein Singen lag in der Luft, ein seltsames Dröhnen und Brausen, als begleiteten mich Heerscharen fröhlicher Engel
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