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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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auf darin verborgene Schmuckgegenstände, Geldscheine und Münzen untersucht; riesige Mengen an Wertsachen fielen auf diese Weise der SS in die Hände, die Zahl der erbeuteten Uhren war so groß, daß ein eigenes Uhrenmagazin mit Werk­statt, in der an die dreißig Uhrmacher saßen, eingerichtet werden konnte. Mit den Kleidungsstücken verfuhr man an­ders. Zu derselben Zeit, da nach dem barbarischen Winter 1941 auf 1942 Herr Goebbels das deutsche Volk zu einer großen Wollsachenspende für die Soldaten der Ostfront auf­rief, wurden im Lager Sachsenhausen- und jedenfalls auch in anderen Lagern ganze Waggonladungen voll Pelzwerk, Unterkleidern, Mänteln, Handschuhen, Strümpfen und Socken in einen Schuppen gestopft und gehortet, Berge von Schuhen, von Männer-, Frauen- und Kinderstiefeln wurden verbrannt. Mit den noch gut erhaltenen Anzügen aus oft erstklassigen Stoffen bereicherten sich verschiedene an der Quelle sitzende SS - Angehörige oder verwandten sie als willkommenes Tauschmittel zu allerlei Schiebergeschäften. Die schon etwas abgetragenen Stücke, aber wurden ,, markiert", das heißt mit roten Streifen und Kreuzen bemalt, und gingen in die Häft­lingsbekleidungskammer, von wo sie schließlich an uns aus­gegeben wurden.

Hätte einer von diesen Anzügen, die wir jetzt tragen mußten, plötzlich zu sprechen angefangen, er hätte uns furchtbare Dinge erzählt von den Fabriken des Todes, die Adolf Hitler und Heinrich Himmler im Osten Europas geschaffen hatten, von jenen Feldern und Zonen der Lager Auschwitz und Lublin , in denen täglich Hunderte von Menschen unter den Klängen des von Lautsprechern gegröhlten Liedes ,, Muß i denn" ums Leben gebracht wurden. Er hätte uns erzählt von den grau­sigen Schanzarbeiten, die die dem Tode Geweihten verrichten mußten, von den kilometerlangen Laufgräben, an deren Rand die mit Maschinenpistolen ausgerüsteten SS- und SD- Männer in den zuckenden Menschenhaufen im Innern der Gräben hineinschossen und von der noch stundenlang wogenden Erde, die über den oft nur verwundeten Opfern eines beispiellosen Tyrannenwahns aufgeschüttet und mit Chlorkalk getränkt

wurde.

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