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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
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Wuẞten wir damals auch noch keine Einzelheiten über die in ihrer Scheußlichkeit nicht zu überbietenden Vorkommnisse in jenen Lagern, so ahnten wir doch all das Grausen und alles Leid, das über die vom Nationalsozialismus beherrschte Menschheit hereingebrochen war. Was uns der tote Gegen­stand verheimlichte, schrie uns die nahe Wirklichkeit deutlich ins Ohr. Die Nachbarschaft des Mordes, in der wir dahin­lebten, selbst nie wissend, ob und wann auch uns dieses Schicksal ereilen würde, verdichtete unser Wissen und Fühlen zu dem einzigen, brennenden Wunsch, den Tag zu erleben, an dem eine eherne Hand die Welt von dem Ungeheuer befreite, das mit der lächelnden Miene eines Bonvivants durch einen Ozean von Blut watete und die Menschheit mit blechernen Phrasen bediente.

Jede Meldung von neuen Absetzbewegungen", wie eine um keine Umschreibung verlegene Propaganda den unaufhalt­baren Zusammenbruch der deutschen Fronten nannte, war Musik in unseren Ohren, wenn uns die Gegenwart lauernder SS - Menschen auch oft zu einer bekümmerten Miene zwang. Jeder Fortschritt der von Herrn Hitler mit verzweifelter Herausforderung bespöttelten Invasion im Westen brachte uns der Erfüllung unseres sehnlichsten Wunsches näher. Wir träumten von befreienden Luftlandetruppen der Amerikaner und Engländer, die wie rettende Heerscharen aus den Wolken auf unser Lager herabschwebten, und als am Abend des 20. Juli 1944 die alarmierende Meldung von dem Attentat auf Hitler aus den Lautsprechern drang, wußen wir, daß trotz Miẞlingens des Anschlages die beglückende Stunde des Zu­sammenbruchs dieser Blutregierung nicht mehr lange auf sich warten lassen konnte. So drängend war unser Wunsch schon geworden, daß wir gar nicht mehr an die Folgen dachten, die ein Gelingen des Anschlages für uns Häftlinge bedeutet hätte.

Seltsamerweise löste die Nachricht von dem Ereignis bei den Angehörigen der SS diesmal so gut wie gar keine Bewegung aus. Ich kann nicht annehmen, daß die Ursache dieser auf­fälligen Gleichgültigkeit darin zu sehen war, daß die Atten­täter keine Kommunisten, sondern Vertreter der Generalität

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