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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
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die Unhaltbarkeit dieser Zustände aufmerksam zu machen. Aber selbst wenn ich dieses Recht besessen hätte, wäre ich wohl kaum auf den Gedanken gekommen, davon Gebrauch zu machen;was ging mich schließlich der ganze Betrieb überhaupt an? Da mich die Umstände aber nun einmal zwangen, mich mit diesen Dingen zu beschäftigen, mußte ich mich im Interesse meiner eigenen Sicherheit auf irgendeine Weise vor den unheilvollen Folgen dieser verantwortungs- losen Geschäftsführung schützen. Für verschiedene Ver- brauchsmittel mußte ich doppelte Bestandslisten führen, und es war kein geringes Kunststück am Monatsletzten, das Soll mit dem Haben in Übereinstimmung zu bringen, Bald fehlten dreitausend Stück Seife, dann wieder zweihundert Woll- decken es war meine Aufgabe, dieses Minus, wenigstens dem Schein nach, auszugleichen, die fehlenden Bestände irgendwie unterzubringen.

Schiebung und Korruption hatten damals im Lager einen Höhepunkt erreicht. Der Kommandant, Oberführer Loritz, einer der rücksichtslosesten und übelsten Burschen, die aus der Hohen Schule des Traditionslagers Dachau hervor- gegangen waren, ging selbst mit leuchtendem Beispiel voran. An sämtlichen Arbeitsplätzen des Lagers wurde für seinen eigenen Bedarf produziert. Er ließ sich Jagdwagen und ein Flugzeug bauen, ein ganzes Dutzend schnittiger Boote, dar- unten ein Motorboot, er ließ sich Möbel und andere Einrichtungsgegenstände anfertigen; Gürtler und Sattler , Schuster und Schneider waren für ihn und seine Familie tätig, ja, er baute sich in St. Gilgen am Wolfgangsee ein prächtiges Landhaus, zu dem das gesamte Baumaterial vom Lager Sachsenhausen mit LKWs nach der etwa 800 Kilometer entfernten Baustelle im Salzkammergut geschafft werden mußte, Dieses Haus kostete Herrn Loritz keinen roten Heller, denn das Material war gestohlen, und gebaut wurde es von Häftlingen. Daß dieses belehrende Beispiel bei zahlreichen Unterorganen keine Neigung zur Sparsamkeit erweckte, gibt zu keiner Verwunderung Anlaß. Der Küchenchef Rackers plünderte die Vorräte des Proviantraums und deckte sich auf die großzügigste Weise für den Winter ein. Riesige Kessel

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