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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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Die Fertigstellung des Gebäudes erfolgte sehr rasch. Es handelte sich bald um einen etwa 30 Meter langen, 18 Meter breiten Holzschuppen, der in seinem Inneren mehrere eigen­artige Räume enthielt, deren gemeinsamer Eingang nach einem von hohen Palisaden gebildeten Hof hinaus lag. Ver­folgte man auf der Rißzeichnung von diesem Hof aus den Weg durch die gesamte Anlage, so gelangte man erst in eine Art Windfang und von diesem in einen großen, fast quadratischen Raum, in dem mehrere lange Bänke mit Kleiderrechen- wie man sie im Auskleideraum einer Badeanstalt findet auf­gestellt waren. Von hier aus führte eine Tür in einen mehr langen als breiten Raum, der einen Tisch, mehrere Stühle, einen Glasschrank mit medizinischen Instrumenten und der­gleichen enthielt. Ein kleines, fensterloses Kabinett bildete das Verbindungsstück zwischen diesem und einem großen, gleichfalls fensterlosen Raum, dessen Wände aus doppelter Balkenverschalung mit dazwischengelagerter Glaswolle- Iso­lierung bestanden; in die eine Schmalwand war eine schlitz­artige Scharte gearbeitet, vor welcher eine Meßlatte mit ver­schiebbarem Winkelstück, wie man sie zur Feststellung der Körpergröße verwendet, stand, Hinter der Wand mit der Scharte lag ein vom Freien aus erreichbarer Gang, während die der Meẞlatte gegenüberliegende Wand besonders stark armiert und augenscheinlich als Kugelfang ausgebildet wor­den war. Es muß noch erwähnt werden, daß die Wände dieses Raumes mit buntgestreiften Vorhängen verkleidet waren und daß der Fußboden an der Stelle, wo die Meßlatte angebracht war, aus einem rot gestrichenen Eisenrost bestand. In diesem Raum befand sich eine zweite Türe; sie öffnete sich in eine geräumige Halle, deren Boden mit Sägemehl und Sägespänen bedeckt war. Das breite Tor dieses Raumes stellte die Ver­bindung her zu den im Freien, in einem Brettergeviert auf­gestellten Verbrennungsöfen, vier fahrbaren Feldkrematorien, die man hier auf einen stabilen Unterbau montiert hatte und die dann auch später im Neuen Krematorium des Lagers Ver­wendung fanden. Als die Zurüstung der hier geschilderten Baulichkeiten so weit gediehen war, daß die Anlage in Betrieb genommen werden konnte, fand im September 1941 die erste

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