Kunst der Überlistung auf unserer Seite sich höher entwickeln konnte als auf der Gegenseite, denn diese hatte derartiges nicht nötig und blieb deshalb im Formalismus und Mechanismus ihrer Methoden stecken. So gelang es uns eben doch immer wieder, Anordnungen von oben zu sabotieren und unserem Leben wenigstens den Reiz des geheimen Widerstandes zu verleihen, Wir sangen, wenn die Lagerführung glaubte, wir hätten längst nicht mehr die Kraft dazu, und errangen uns auf diese Weise doch eine Art Respekt, der uns zwar nicht vor dem Letzten, wohl aber vor mancher vorzeitigen und unliebsamen Einmischung schützte. So kam es im Lager mehr auf die Haltung als auf die Führung des einzelnen an. Eine noch so gute Führung nützte ihm gar nichts. Sie schützte ihn nicht einmal vor Strafe, denn sie wurde ihm bei der Zumessung einer solchen nicht angerechnet. Die Haltung aber, die einer zu wahren wußte, verlieh ihm eine gewisse eigene Sicherheit und wurde auch auf seiten seiner Gegner gewürdigt. Alle Vorteile, die die Gesamtheit der Häftlinge im Lauf der Jahre errang, waren das Produkt dieser Haltung einzelner. Wir hatten diese Vorteile nicht als Geschenk der SS erhalten, sondern wir hatten sie unserem rücksichtslosen Vorgesetzten unter einem sehr hohen Einsatz abgelistet und abgetrotzt.
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