Druckschrift 
Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
70
Einzelbild herunterladen

betteten sie in die berühmte ,, schwarze Kiste" und trugen diese durch das Tor über den Appellplatz nach der Leichen­kammer des Reviers. Diese Leichenkammer befand sich zu jener Zeit in einer an die Tbc- Abteilung des Krankenbaus grenzenden Baracke. In ihr waren Hunderte von Särgen auf­gestapelt, die alle auf den Abtransport in das Lager- Krema­torium warteten. Da der Anfall an Leichen größer war als das Leistungsvermögen des Krematoriums, waren viele Lei­chen schon acht und zehn Tage alt. Der Geruch, der in diesem Raume herrschte, läßt sich schwer schildern. Außerdem trieben Tausende von Fliegen ihr munteres Wesen. Gleich hinter dem Eingang dieser trostlosen Baracke befand sich ein etwa zwei Quadratmeter großer freier Raum, in dem sich ein Tisch, zwei Stühle und ein eisernes dreibeiniges Waschlavoir befanden. Die Wände dieser Kabause wurden an zwei Seiten von übereinandergestapelten Särgen gebildet, und an einer dieser schauerlichen Kisten hing mit Reiß­zwecken befestigt, gleichsam als Wandschmuck, der Öldruck eines nackten rosigen Frauenzimmers auf einem von Rosen und Lilien umwucherten Sofa.

In diesem Raume hauste der Vorarbeiter des Kommandos ,, Leichenträger"; hier trank er seinen Kaffee, rauchte er seine Zigaretten und rasierte er sich an jenem Sonntag­morgen gerade. Er hatte seine liebe Not mit den vielen zu­dringlichen Fliegen, die sein schaumbedecktes' Antlitz um­summten, aber er wurde schließlich doch fertig mit ihnen und führte sein Verschönerungswerk mit viel Sorgfalt zu Ende.

-

es war ein Berufsverbrecher

-

Diesem Mann verdankte ich viel. Er bewies mir durch sein unbekümmertes Ver­halten, daß ihn weder Tod noch Teufel daran hindern konnten, sich um die Pflege seines Äußeren zu kümmern. Ich beschloẞ, es ihm gleichzutun und Schritte zu meiner Rettung zu unternehmen. Ich tat diese Schritte sofort. Ich hatte gehört, daß auf Block 35 ein bayrischer Vorarbeiter wohnte, der das sogenannte Kayser- Kommando" führte, eine Arbeitsgruppe, die im Hüttenwerk der Firma Kayser­Oranienburg mit dem Sortieren von Metallgegenständen

70

70