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Nacht und Nebel : ein Sachsenhausen-Buch / Arnold Weiss-Rüthel
Entstehung
Seite
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Ich habe die Leichen dieser Menschen, die man gegen Abend aus dem Moor zog und auf einen mit ins Lager rollenden Kar- ren schmiß, oft genug gesehen. Es verging kein Tag, an dem nicht wenigstens fünf bis sechs Häftlinge auf diese Weise ums Leben gebracht wurden. Der Vorarbeiter Felix hatte seine . genauen Weisungen hinsichtlich der Zahl der zu tötenden Menschen und er befolgte sie treu, Er wurde dabei dick wie ein Faß, denn er stand im Genuß von soundso vielen Sonder- portionen, die ihm für seine Henkerarbeit bewilligt worden waren.

Länger als ein Jahr äußerstenfalls hielt es der Mensch in diesem Klinkerwerk nicht aus. Ich werde in einem der folgenden Kapitel ausführlich über den durch die Entwicklung der Zeitgeschehnisse bedingten Wandel in den Arbeitsverhält- nissen des Konzentrationslagers berichten und damit die Er- klärung geben für die Tatsache, daß eine große Zahl von Häft- lingen schließlich doch nicht an ihrer Arbeit zugrunde gehen mußte. In den Jahren 1940 und 41, den ersten meiner Haft und wie erwiesen auch schon vorher, lagen die Dinge jedoch noch so, daß nur durch einen Wechsel des Arbeitsplatzes die Gefahr gebannt werden konnte, zu erliegen.

Da ich nach vier Monaten Arbeit im Klinkerwerk sozusagen an der Kippe stand, also jenen Zustand erreicht hatte, der . dem Menschen nur noch die Möglichkeit läßt, sich entweder zu wehren oder zu sterben, entschloß ich mich eines Tages, mich nicht willenlos treiben zu lassen, sondern mein Schick- sal selber in die Hand zu nehmen. Der Anlaß war seltsam

genug,

An einem Sonntagvormittag an diesem Tage wurde nicht gearbeitet erhielten ich und einige andereZugänge den Auftrag, eine Leiche aus der Garage, wo sie aufgebahrt lag, in die Leichenkammer des Krankenbaus zu tragen. Niemand hatte das Recht, sich einem Auftrag zu entziehen, und so ungern ich auch mit Leichen zu tun hatte, ich mußte dem Be- fehl er kam vom Blockältesten Folge leisten. Wir gingen also vier Mann hoch nach der Garage, die damals als Leichen- schauhaus diente, nahmen die Leiche aus dem Paradesarg, In den man sie den Angehörigen des Toten zuliebe gelegt hatte,

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